Kojima ist nun schon seit längerem mehr als einfach nur ein Name. Kojima ist zu einer Marke geworden, der Name hat eine eigene Bedeutsamkeit erhalten, Kojima steht für absurdes, verkopftes und interpretationbedürftiges Erzählen, im positivsten Sinne. Nach der Trennung von Konami, stand ihm wahrscheinlich die ganze Bandbreite an Publishern innerhalb der Industrie offen. Mit Metal Gear Solid hatte er sich einen Namen gemacht, diese so lang behütete Marke musste er allerdings zurücklassen. Nun hieß es, von Grund auf, etwas Neues errichten. Die Videospielgötter beruften ihn zu Sony. Diese scheinen ihm und seinem nun unabhängigen Team von Kojima Productions nicht nur die nötigen finanziellen Mittel zu garantieren, sondern auch die kreative Freiheit, die eine Kojima-Idee so dringend nötig hat. Dort versucht er nun von Grund auf, etwas Neues zu errichten: mit Death Stranding.

Nun wurde vor einigen Tagen ein neuer Trailer zum vielversprechenden Titel veröffentlicht, der etwas mehr zeigt, als nur einen nackten Norman Reedus am Strand, der per künstlicher Nabelschnur mit einem Baby verbunden ist. Doch alles der Reihe nach:

E3 2016: Als noch unklar war, wie es um die Zukunft von Kojima Productions steht, welche Projekte sie sich vornehmen, da erschien dieser Enthüllungsteaser, der Aufklärung darüber verschaffen sollte, aber eben auch unzählige neue Fragen aufwarf. Die fünf sinnbildlichen Fragezeichen am Himmel waren bei weitem nicht die einzigen Fragezeichen, die in diesem Teaser aufkamen. Dennoch kam auch einiges ans Licht. Protagonist Norman Reedus, ein Strand besetzt mit lauter tot gestrandeten Walen und eben der Titelname des Spiels: Death Stranding. Ok, das ist nicht allzu viel, aber eben auch nur ein Teaser. Schauen wir uns mal die nächsten Trailerhappen an, die uns bislang hingeworfen wurden.

TGA 2016: Noch im selben Jahr, wie der Ankündigung auf der E3, veröffentlichten Kojima Productions weiteres Bildmaterial zu ihrem ominösen Spiel. Dort bekamen wir weitere neue Figuren zu Gesicht und viele weitere Fragezeichen eröffneten sich. Ein invertierter Regenbogen, ein scheinbarer Kriegsschauplatz, ein Baby im Glas, ein verängstigter Guillermo Del Toro und ein schwarz verschleimter Mads Mikkelsen, der mit einer handvoll, wortwörtlich gesichtsloser Soldaten, aus den Schatten tritt. Ja klar, und eine völlig absurd beängstigende Babydoll mit Zwinkerschaden, natürlich. Das kann und will ich noch nicht versuchen zu verarbeiten, erstmal abwarten, was da noch so kommt.

TGA 2017: Ein Jahr später auf derselben Veranstaltung wurde diese Story-Sequenz gezeigt. Wiedermal kein Gameplay, dafür erneut ein starker Aufbau von atmosphärischer Dichte und wie sollte es auch anders sein: die Fragen häufen sich. Dennoch gibt es einiges, was man aus diesem Trailer ziehen kann. Ein Regen, der den Alterungsprozess bei Kontakt stark beschleunigt und kleine Schulterantennen, die Gefahren spotten. Außerdem scheint das Baby im Glas unseren Protagonisten aus der heiklen Affäre zu ziehen. Ist es unsere Lebensversicherung? Immerhin etwas. Trotzdem, viel mehr Fragen als Antworten.

E3 2018: Auf dem alljährlichen Industrieevent der E3, wurde dann dieser erneut sehr cineastische Trailer gezeigt, welcher außerdem endlich Gameplay-Material zeigt: man spielt einen Lieferboten. Fuck, yeah! Außerdem erhält man viele Eindrücke zur Spielwelt, die irgendwas aus postapokalyptischer Schönheit und Verzweiflung darstellt, und all das begleitet von sehr melancholischen Klängen. Das Spielsystem offenbart außer dem intensiven Reisen noch nicht vieles. Wir transportieren scheinbar nicht nur riesige Berge an Kisten, sondern auch Menschen bzw. Leichen. Eine neue Figur wird auch etabliert, gespielt von Lea Seydoux. Sie scheint sich in der verkommenen Welt gut zurechtzufinden und kann die Gefahren gut einschätzen. Mehr kann man wohl noch nicht zu ihr sagen, außer, dass sie einen ziemlich fancy Regenschirm besitzt. Zudem werden viele bedeutungsvolle, jedoch noch sehr nichtssagende Sätze gedroppt, und man sieht das Baby im Glas wieder in Aktion, welches dem Protagonisten, der hier zum ersten Mal bei Namen genannt wird: Sam Porter Bridges, mithilfe der Schulterantenne durch die Gefahrenzone manövriert. Jedoch unerfolgreich.

TGS 2018: Auf der letztjährigen Tokyo Games Show bekam man einen kleinen Eindruck von der Macht, welche der Mann mit der goldenen Maske, zu besitzen scheint. Hinter seiner Maske verbirgt sich eine weitere Maske. Hammer. Mit seiner goldenen Maske scheint er mit dem Reich des schwarzen Schleims kommunizieren, es formen und befehligen zu können. Sowas wie das Reich der Toten?

Mai 2019: Nun schließt sich endlich der Kreis. Vor wenigen Tagen kam dieser Brecher mit beinahe 9 Minuten an neuem Anschauungsmaterial. Mit erneut vielen cineastischen Bildern, aber auch mit einem tatsächlich tiefer greifenden Einblick ins eigentliche Spielsystem. Die Tonalität ist auch eine andere als zuvor, mehr treibend, mehr hoffnungsschürend. Dann wird auch noch das Releasedatum präsentiert: 8. November 2019. Wer hätte das gedacht? Bei all dem, was man bisher zu sehen bekam, hätte man sich auch leicht dazu verleiten lassen können, zu denken, dass an einem wirklichen Spiel noch nicht gewerkelt wurde und bislang nur Zeit in Motion Capture Räumen mit Schauspielern verbracht wurde. Es wird wieder großer Spielraum zur Interpretation gelassen, aber auch schon ungewöhnlich viel beantwortet, wie z.B. das Grundkonzept der Handlung: die Wiedervereinigung der Menschen in einer zerrütteten Welt(gesellschaft). Was lässt sich hier noch offenbaren?

Das Baby im Glas wird Bridge Baby genannt, BB. Es sorgt für Brücken zwischen der unseren und der anderen Welt? Dem Afterlife? Hades? Vielleicht ist mit Hades hier keine mythologische Person, sondern eher ein Zustand gemeint, oder ein Ort. Es werden womöglich Brücken zwischen der Welt der Toten und der Lebenden geschlagen. Es gibt eine separatistische Terroristengruppe, welcher das doppelmaskierte Schleckmaul angehört. Welcher Fraktion gehört Mads‘ Charakter an? Auch den Terroristen, oder einer anderen? Schließlich hört er sich eher nach einem radikalen Idealisten an, der vielleicht beide Welten miteinander verbinden und alles ins Chaos stürzen will. Wir erfahren, dass er eine gute Verbindung zur „anderen“ Seite hat und sehen dies auch immer wieder. Mads scheint auf diesen schwarzen Schleim zu stehen, und kann diese „anderen“ auch befehligen. Dennoch scheint er noch einige menschliche Züge zu besitzen, so verspricht er einem BB eine Zukunft voller Möglichkeiten. Amerika scheint zerfallen. Die Präsidentin gibt sich dennoch entschieden, dass der letzte Ausblick auf eine hoffnungsvolle Zukunft, die Zusammenkunft ist, und fordert den skeptischen Protagonisten Sam dazu auf, seinen Beitrag zur Wiedervereinigung Amerikas zu leisten. Sam Porter Bridges wird von der Präsidentin der USA beauftragt, Brücken zu bauen. Baut Brücken, die zueinander führen, und nicht Mauern, die voneinander trennen. Sinnbildlich.

Death Stranding scheint ein Spiel zu werden, das in vielen Aspekten des Spielens neue Ansätze zu suchen scheint. Der Multiplayer, soll ein asynchroner werden, allzu aussagekräftig sind die bisherigen Meldungen dazu noch nicht. Jedenfalls sollen wir uns der Wichtigkeit von Verbindungen zu anderen Spielern, Menschen, bewusst werden. Auch der Spielertod wird wahrscheinlich andersartiger als in gewöhnlichen Spielen behandelt. Das Konzept des Death Strandings lässt einen vielleicht in der Welt der Toten stranden? Aus welcher es wieder einen Anschluss, eine Brücke, zur Welt der Lebenden zu finden gilt? Jedenfalls soll der Tod eine gewichtige Rolle spielen, und Spieler mit Konsequenzen konfrontiert werden. Wird die Zeit eine gewichtige Rolle spielen? Steht die Menschheit vor der Herausforderung ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vernünftig aufzuarbeiten? Den immerwährenden Kreislauf der Geschichte zu durchbrechen? Steht das Totenreich davor sich mit der Welt der Lebenden zu verknüpfen? Oder ist es vielmehr eine Art Upside Down, mit seinen invertierten Regenbögen und fliegenden Walen?

Ob das alles am Ende Sinn machen wird oder nicht, Kojima und sein Team werden sich bei all dem schon etwas gedacht haben. Ob man es letztlich versteht, ist wieder eine andere Frage. Jedenfalls wurde hier von Kojima bislang auf beispiellose Weise eine Art von Hypegenerierung zelebriert, wie man sie wohl selten zu Gesicht bekommt. Schließlich ist es auch eine Kunst für sich, per Trailer nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig zu offenbaren, um ein mögliches Grundinteresse zu wecken. Ein Produkt, in dem so viele Ressourcen stecken, das popkulturelles Ausmaß gewinnen soll, das fast ausschließlich mit Fragezeichen beworben wird. Dennoch wird versucht so wenige Antworten wie möglich zu liefern und die Mysterien aufrecht zu erhalten. Lediglich ein Spielgefühl wird versucht zu vermitteln, ohne großartig viel von der Handlung oder des Spielsystems preiszugeben. Ein Gefühl der Beklommenheit, des Verlusts, ohne überhaupt zu wissen, was man eigentlich verloren haben soll. Kojima vereint die Traurigkeit mit der Schönheit. Atemberaubende Bilder und Musik im Einklang. Kojima baut Hype auf, schürt Hoffnung und Interesse, Begeisterung und Aufregung. Leute, die in all dem nur Mumpitz sehen, sich nicht dafür begeistern können, gehen weiter. Alle anderen bleiben stehen, und sehen sich mit Vorfreude dieses riesige Puzzle an, welches es nun zu lösen gilt. Denn dafür steht Kojima mit seinem Namen. Are you hyped yet?

Oh, ich hab mich echt begeistern lassen.

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