Abschied nehmen, von monotonen Spielkreisläufen in Spiritfarer

Wir kennen – und scheinbar – lieben sie alle, die repetitiven Tätigkeiten in Videospielen, die uns völlig unreguliert Glücksmomente entgegenwerfen. Die in uns das Gefühl auslösen wollen, etwas Besonderes erreicht zu haben, sich gesteigert, oder eher, dieses ungreifbare Etwas gesteigert zu haben. Denn eine wirkliche Steigerung an uns selbst, unseres Verständnisses oder unserer Fähigkeit ist bei den meisten dieser uns maßlos und anspruchslos entgegengeworfenen Errungenschaften nicht erkennbar. Diese kapitalistisch erzeugten Glücksmomente sind meist leicht zu erhalten und lösen die Sucht nach Wachstum aus, nach Mehr. Da die einzige Voraussetzung um die immanente Befriedigung auszulösen die Steigerung zu sein scheint, wird sie in den meisten Spielen eben durch unzählige Level-Ups, das Abhaken von rudimentären Aufgaben unendlicher Anzahl oder auch einen haltlos wachsenden Ressourcenvorrat installiert. Die Meisterschaft einer herausfordernden spielerischen Tätigkeit gerät in den Hintergrund, während die Wiederholung von rudimentären Aufgaben alles in sich vereinnahmt. Wir sammeln und maximieren, um noch mehr sammeln und maximieren zu können, wir wiederholen, bewegen uns in einem Hamsterrad. Viele moderne Spiele sind solche Hamsterräder, kämpfen um unsere Aufmerksamkeit, zwingen uns bei ihnen zu bleiben, möglichst lange, möglichst für immer, und erreichen dies eben meist durch diese gewissen ethisch korrumpierten Spielmechanismen. Repetitive Tätigkeiten, die uns zu spielenden Zombies mutieren, die nur noch im Unbewussten mit dem Spiel interagieren, die es mehr über sich ergehen lassen, als es wahrhaftig wahrzunehmen oder bewusst zu spielen. Diese Tätigkeiten fordern nicht, doch sie täuschen uns Steigerungen vor. Mein Level wird höher, doch eigentlich bin ich zu nicht wirklich mehr fähig als zuvor – gesteigert habe ich mich jetzt nicht, alles bleibt wie es ist. Viele Mobile Games locken am offensichtlichsten mit solch verwerflichen Methoden, die mit bunten Pop-ups und Effekten kurze Euphorieschübe auszulösen versuchen. Doch auch der erhabene, kunstvolle, von sich selbst so überzeugte Markt der „richtigen“ Videospiele auf PC und Konsole scheut schon längst nicht mehr die Anwendung dieser häretischen Techniken. Wir genießen sie ja, es funktioniert, doch gibt es da draußen nicht eine schönere Welt der Videospiele, eine Ergiebigere? Das Hamsterrad mag unsere Komfort-Zone sein, doch ein Blick nach außen könnte neue Gedanken freisetzen, nach Freiheit zu streben und das Hamsterrad ins Schleudern zu bringen um auszubrechen aus den gewohnten Kreisläufen. Wer kann uns die Augen öffnen, den Weg weisen, aus den ewigen Kreisläufen hinausführen und in die Freiheit entlassen, unsere verlorenen Seelen aufsuchen und zu den Toren der Erlösung führen? Vielleicht ein Spiel, dessen Hauptspielmechanik genau jene häretische Philosophie beinhaltet – die des stumpfen Wiederholens ermüdend monotoner Spielabläufe – sie jedoch anschließend versucht von innen aufzubrechen und zu einem tatsächlichen Ende zu führen anstatt in die Endlosigkeit?

In Spiritfarer versetzen wir uns in die Rolle der lebensfrohen Stella, die direkt zu Beginn ihre neue Stelle als Fährfrau des Totenreiches antritt. Der nun pensionierte und vorherige Fährmann Charon, welcher schon eher mit dem Tod assoziierbar ist als die stilvoll bunt gekleidete Stella, weist sie noch in ihre künftigen Tätigkeiten ein. Er hängt seinen Job an den Nagel, verlässt sein Hamsterrad aus – wie wir noch herausfinden werden – repetitiven Tätigkeiten.

Fortan begeben wir uns per Fähre durch die doch sehr große offene Spielwelt und suchen nach verlorenen Seelen, helfen ihnen dabei mit ihrem Leben abzuschließen, letzte Erledigungen zu treffen oder Erkenntnisse zu erhalten, um sie dann letztlich durch die Immerpforte zu verabschieden. Während dieses Prozesses stoßen wir natürlich auf sämtliche spielerische Elemente. Erkunden die vielen anfahrbaren Inseln des idyllischen Totenreichs, ernten Ressourcen und verarbeiten diese. Eröffnen uns ein üppiges kulinarisches Repertoir an verschiedensten Rezepten, denn es gilt auch stets die Moral an Bord aufrecht zu erhalten. Jede/r Passagier:in hat eigene Bedürfnisse. So genügt uns auch bald schon nicht mehr unsere kleine Schaluppe und wir beginnen unsere kleine Fähre immer weiter auszubauen. Alle Passagier:innen hätten gerne eine individuell angefertigte Kajüte. Hinzu kommen noch unsere tierischen Begleiter zur Anbordversorgung, Obstplantagen, Gemüsegärten und sämtliche Industrieanlagen. Unsere Fähre hat viel zu tragen, die gesamte Last des verarbeitenden Gameplays findet auf ihr statt. Lediglich das Sammeln von Rohstoffen und Passagier:innen findet extern statt, auf den zahlreichen Inselgruppen. Eigentlich war unsere Fähre lediglich für den Transport der verlorenen Seelen gedacht, um sie zur letzten Ruhe zu befördern. Doch nun sind wir auch noch für ihr Wohlbefinden verantwortlich und um dies sicherzustellen eröffnen wir weitere Kreisläufe. Produktionskreisläufe. Dafür muss unsere Fähre stetig weiter ausgebaut werden, wir fügen ihr weitere Module hinzu, eine Küche, ein Sägewerk, eine Schmiede, individuelle Passagier:innenzimmer und viele mehr, welche wiederum zu weiteren Gameplay-Loops führen.

Spiritfarer versetzt uns also in altbekannte doch stets auch Freude bereitende Gameplay-Loops, wie man sie schon aus zahlreichen ähnlichen Genrevertretern wie Animal Crossing, Stardew Valley oder Harvest Moon kennt. Viele dieser Kreisläufe sind unverzichtbar und sind überhaupt erst der Grund warum wir spielen, doch sind auch sie begrenzt. Irgendwann stoßen wir an ihre Grenzen, wo die Kreisläufe nichts Neues mehr erzeugen, keine Erweiterung des Gameplays mehr bieten, keine Verbesserungen, sondern nur noch existieren, um uns beschäftigt zu halten. Dann spielen wir nur noch für den Kreislauf und nicht mehr für uns selbst, die Monotonie setzt ein und der Spaß an den Spielkreisläufen flacht ab, es gibt nichts mehr zu Erlernen und dann treiben sie uns zur Verwahrlosung. Sie wiederholen sich endlos. Während der Spaß sich minimiert, maximieren sich die Kreisläufe, sie erfordern immer mehr unserer Zeit, werden zeitgleich jedoch auch immer anstrengender. Hier hilft nur der Ausbruch. Wenn das Spiel selbst diesen Ausbruch nicht bietet, ist es schwer für Spielende selbst aus dem Hamsterrad auszubrechen. Denn es ist ja bereits so viel Zeit investiert worden. Seht sie euch an, meine herrlich errichteteten Kreisläufe, die mir unendliche Erträge einbringen. Ich muss nur kurz mein Smartphone zücken und ein paar mal auf meine Anlagen tippen. Stündlich. Mehrmals stündlich. Spiritfarer jedoch nimmt uns diese Bürde ab, es erzeugt zwar Kreisläufe, hilft uns jedoch auch dabei, jene zu durchbrechen. Nicht nur spielerisch auch erzählerisch. So wie wir als Stella den verlorenen Seelen dabei helfen mit ihrem Leben abzuschließen und sie durch die Immerpforte verabschieden, werden auch wir als Spielende gebührend von unseren lieb gewonnenen Kreisläufen verabschiedet, noch bevor wir ihnen überdrüssig werden können. Wenn unsere Aufgaben erledigt, die Spielfiguren verabschiedet, und letztlich noch: wenn wir uns dazu bereit fühlen. Dann verlassen auch wir das Boot mitsamt seinen Spielkreisläufen. Es bindet uns nicht an eine zwanghaft erzeugte Endlosigkeit aus Spielabläufen und bietet uns stattdessen ein tatsächliches Ende, einen Ausbruch, an. Ein zwar wehmütiges, doch erforderliches Ende. Wir nehmen Abschied von den starken Figuren, die uns so sehr ans Herz wuchsen und Abschied von den monotonen Spielkreisläufen an die wir uns so sehr gewöhnten. Vielleicht auch Abschied von der Vorstellung, dass das Leben ein selbstverständlicher Kreislauf sei, Simba. Aber bevor ich dieses Spiel beende, möchte ich noch ein wenig weiter angeln. Und dann müsste ich noch die Schafe scheren, die Kühe melken und die Kartoffeln ernten und ein wenig Ektoplasma abfüllen, um meinen Hühnerstall aufzubessern. Und dann würde ich gerne noch etwas Eichenholz verarbeiten und mir eine herzhafte Mahlzeit zubereiten. Nur noch kurz verweilen, ich hab es mir doch so gemütlich gemacht hier.

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