Final Fantasy VII Remake – Roche und das Ende, des uns bekannten

Die Storyline von Final Fantasy 7 gehört zu den wohl ikonischsten und bekanntesten der gesamten Videospielgeschichte. Wie wird nun also die Umsetzung eines Remakes gehandhabt, bei einem Ursprungsspiel von solch hoher Relevanz und einer Erzählung die für viele zu einem Heiligtum der Unantastbarkeit gewachsen ist? Die einfache Lösung wäre wohl eine detailgenaue Wiedergabe der originalen Geschichte und ein wenig optische und spielerische Aufhübschung. Doch das Entwickler:innenteam wollte mehr, erneut zu erzählerischen Höhen aufsteigen, die Grenzen ausloten. Sie wagen sich, manche würden behaupten, erdreisten sich, in den Ablauf einer bereits etablierten Geschichte einzugreifen. Kann dies vor den Augen der Purist:innen noch irgendwie gerechtfertigt werden? Könnte das Spiel die Purist:innen vielleicht sogar in die Geschichte miteinbeziehen, ihnen einen Spiegel vor Augen halten?

Eigentlich ist das Remake tatsächlich eine ziemlich präzise Nachbildung des Originalspiels, zumindest des ersten Abschnitts mit Schauplatz in Midgar. Sie hübschen die Grafik auf, fügen unglaublichen Detailreichtum hinzu, bleiben den Figuren treu und erfüllen im Grunde jegliche Erwartungen die langjährige Fans an das Spiel hatten. Doch gegen Ende des Spiels wenn die Fans am verwundbarsten sind, wagen sie den Sprung, weg vom Pfad des für den Menschenverstand Greifbaren, sprengen die Erwartungen und sorgen für ein emotionales Chaos, um eventuell neu anfangen zu können und ein eigenes Kapitel zu schreiben.

Im Nachhinein wird man feststellen können, dass die Entwickler:innen sich bereits im Vorlauf viele kleine Kniffe erlaubten, an Stellschrauben drehten oder sogar komplett neue Elemente hinzufügten, welche den Ablauf der originären Geschichte maßgeblich ins Schwanken bringen könnten. Es muss nichts Abweichendes passieren, es könnte aber. Es tritt eine komplett neue Spannung auf, selbst für Spieler:innen, vielleicht gerade für Spieler:innen, die das Original kennen. Für Neuankömmlinge wird, um ein Verständnis für all diese Erzählelemente aufzubauen, wohl etwas mehr Aufklärung von Nöten sein, als das Spiel selbst sie bietet. Denn das finale Kapitel mit dem Titel „Am Scheideweg des Schicksals“ ist genau das wonach es klingt – und dürfte für die größte Verwirrung sorgen. Der Ablauf der Geschichte schien vorherbestimmt, wir kennen den Ablauf ja bereits durch das Original, nicht? Doch stehen die Geschichte und ihre Figuren in diesem Kapitel vor der Entscheidung, vom Schicksal ihnen aufgebürdeten Ablauf abzuweichen. Daraufhin beginnt ein spektakulärer Endkampf mit mächtigen geisterhaften Wesen. Schon im vorigen Spielverlauf begegnen wir öfters diesen ungreifbaren Geistern, welche im Original nie existierten. Doch konnten sie in ersten Begegnungen noch als esoterischer Zusatz eingeordnet werden.

Später stellen wir fest, dass sie das Schicksal selbst darstellen und die Geschehnisse lenken. So lenken, wie geplant, wie es vorherbestimmt ist und erwartet wird. Sie wollen den originären Ablauf der Geschichte mit allen Mitteln versuchen beizubehalten. Im Spielkosmos werden sie als Verteidigungsmechanismus, als Immunsystem des Planeten erklärt – und Sephiroth, der planetengefährdende Antagonist, könnte so als Virus für den Planeten betrachtet werden. Auch er scheint den originären Ablauf wandeln zu wollen, aus Gründen auch ziemlich verständlich. Anhand der Geister wird also die puristische Erwartungshaltung, welche das Schicksal definiert, personifiziert und am Ende bezwingen wir sie letztlich, wodurch die Tore für weitere schwerwiegende Veränderungen geöffnet sind. Doch in wessem Sinne? Waren wir nur ein Werkzeug für Sephiroth, um vom Ende seiner Existenz abzuleiten? Jedenfalls sind die Karten nun neu gemischt, eventuell zu den Gunsten des Antagonisten, aber auch zu Gunsten der erzählerischen Spannung.

Wie bereits erwähnt werden diese schicksalsträchtigen Änderungen bereits mit dem Erscheinen der geisterhaften Kreaturen angekündigt, doch auch abseits davon gibt es einige erwähnenswerte Abweichungen und auch Invasoren, welche zwar ohne großartige Auswirkungen auf die Storyline, dennoch mit bleibendem Eindruck, ins Bekannte eindringen. Ein solcher Eindringling, der sich mit beinahe schon leichtsinniger Willkür auf die uns bekannte Fahrbahn drängt, ist Roche. Dieser neu hinzugefügte Charakter ist ein Geschwindigkeitsjunkie, der sich durch ein extravagantes Äußeres sowie einer tief innigen Beziehung zu seinem Motorrad definiert. Schon sehr früh erscheint er uns im Spiel, während unserer Motorradflucht weg vom Shinra-Reaktor. In diesem Abschnitt kommt es schließlich auch zu einer furiosen, hochoktanigen Verfolgungsjagd, bei der jegliche physikalischen Gesetze missachtet werden. Aus jeglicher Sicht ein grenzüberschreitender Charakter.

Wir begegnen hier jemandem, der versucht die Grenzen des Möglichen auszuloten, einer völlig neuen Figur, der Willkür in Person. Er ist zwar auch ein Shinra-SOLDAT, ein Angehöriger des Elite-Kampftrupps des Konzerns, doch scheint er komplett autark zu handeln. Dennoch jagt er uns hinterher, fasziniert von Cloud und seinen Fähigkeiten, in welchem er einen ebenbürtigen Konkurrenten sieht, einen würdigen Herausforderer. Auch wenn sein Auftritt nur von geringfügiger Bedeutung für den Verlauf der Geschichte ist, kündigt er etwas an. Sein Auftritt leitet die Möglichkeit von Abweichungen ein. Sein charakteristisches Merkmal der Unberechenbarkeit lässt sich auch auf den zukünftigen Ablauf des Spiels übertragen. Ein zukünftiger Ablauf der sich zwar im Groben am Original orientiert, doch für Veränderungen offen ist, der uns mit den Worten „The Unknown Journey Will Continue“ verabschiedet. Wir befreien uns von den schicksalbestimmenden Geistern und stehen am Ende völlig entgeistert erneut dem Ungewissen entgegen. Obwohl es sich hier doch um eine Nacherzählung handeln sollte, welch eine blasphemische Umdeutung von Ereignissen! Oder auch, welch mutiger und künstlerischer Eingriff für einen erneuten Spannungsaufbau! Zum größten Teil war das Remake ja tatsächlich auch ein Remake, doch wird die Fortsetzung weiterhin diesen Titel tragen? Von hier an, betreten wir wieder Unbekanntes. Das Remake ist das Ende, des uns Bekannten.

Roche heißt in der deutschen Lokalisation übrigens Locche. Ein weiterer Indikator, der auf einen Ansatz der Unberechenbarkeit oder auch der Willkür dieser Nacherzählung, deuten lässt.

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