Katakomben (As Above, So Below) – Eine verschwörungsideologische Filmanalyse

In diesem Film geht es hinab, in die Katakomben von Paris. Im Found Footage Stil schauen wir einer Gruppe dabei zu, wie sie immer weiter, tiefer, in den Kanninchenbau dieser Katakomben hineinkriechen, oder gar fallen. Grund für diesen Abstieg war der Glaube an etwas, an Etwas, was die Protagonistin dort zu finden vermochte. Doch dafür benötigte sie Mitstreiter:innen, Mitgläubige. Also suchte sie sich diese kleine Gruppe zusammen, teils bestehend aus ähnlich Denkenden oder auch reinen Nutznießer:innen, die an das Versprechen der Protagonistin glauben, dort einen Schatz bergen zu können. Diese treibt sie mit sich selbst immer tiefer hinunter, wodurch auch ihre spontane Anhängerschaft immer mehr dem Glauben der Protagonistin anheimfallen. Im Grunde sind sie einem Verschwörungsmythos auf der Spur, induzieren ihn, bis dieser Mythos ihr gesamtes Weltbild bestimmt. Man könnte fast meinen der Film veranschaulicht alleine hierdurch schon einige Mechanismen der Entstehung fundamentalistischen Glaubens. Das radikale Durchsetzen der eigenen Idee, oder auch Ideologie, und die Herausbildung einer verschwörungsideologischen Gemeinschaft. Sie bindet ihre Anhängerschaft, indem sie ihnen das Gefühl vermittelt etwas Bedeutsamem, Verborgenem, auf der Spur zu sein. Man könnte es so interpretieren, nur war das sicher nicht die Intention dieses Films, oder? Bin ich da etwa etwas Heißem auf der Spur? Nichts als die Wahrheit und nur die Wahrheit, über diesen Film, hier und jetzt. Es ist zwar ein klassischer Konzepthorrorfilm, der mit der Klaustrophobie innerhalb der Katakomben spielt, doch stellt er mit seinem Abdriften ins Mystische, Absurde und Irrationale ja durchaus etwas dar. Ob das nun die Funktionsweise fundamentalistischen Denkens ist oder nicht, ist ja egal, ich denke es jedenfalls, also muss es ja so sein.

Eigentlich beginnt der Film relativ bodenständig, wenn auch das Vorhaben – einen allmächtigen Stein der Weisen, der den Quell zur Unsterblichkeit darstellen soll, in den Katakomben finden zu wollen – bereits erste Anzeichen abnehmender Vernunftbegabtheit andeuten. Aber im Rahmen eines Filmes wird dies erstmal akzeptiert. Geprägt wird das Vorhaben der Protagonistin diesen Stein zu bergen, von ihrem verstorbenen Vater, welcher seine Faszination für die Archäologie sowie den Glauben an den Stein der Weisen, welcher ihn in einen suizidalen Wahnsinn trieb, auf sie übertrug. Es ist dessen Vermächtnis, welches sie glaubt weiterführen zu müssen. Gedreht wurde im Found Footage Stil, also in Bildern die einen dokumentarischen Eindruck vermitteln wollen, den Anschein von „gefundenem“ Filmmaterial erwecken sollen und so einen künstlichen Wahrheitsanspruch erheben, um mehr Immersion zu erzeugen. Ähnlich funktionieren auch die Rechtfertigungen und Beweisführungen von Verschwörungserzählungen, die sich ebenso auf vermeintlich echte bzw. wissenschaftliche Aussagen und Analysen beziehen, welche sich bei näherer Betrachtung jedoch als rein konstruiert offenbaren. So startet der Film mit durchaus glaubhaften Aufnahmen, beginnt die Zuschauer:innen seicht mit in seine Erzählung zu ziehen. Wenn der Abstieg in die Katakomben beginnt startet auch das Konzept des Films sich auszubreiten. Nun geht es verstärkt um die sich ausbreitenden Ängste der Gruppe, die klaustrophobischen Zustände werden immer enormer, die Angst davor nicht wieder zurückzufinden, sich zu verlieren, zu verirren. Letztlich kommt es natürlich auch dazu, dass sie keinen Rückweg mehr finden und sich immer tiefer in den Katakomben verlieren. Bei der Begegnung mit einer weiteren dort verschollenen Person, rät diese ihnen dazu einen noch tieferen Abstieg zu wagen, um aus den Katakomben zu entkommen. Im Angesicht ihrer Ausweglosigkeit folgen sie dieser Anweisung. So könnte man also meinen, dass sie sich – wiedermals ähnlich zu verschwörungsempfänglichen Personen aufgrund einer Angst, eines Unverständnisses oder Glaubens – der Irrationalität hingeben, einer für sie möglichen Antwort, die leichter zu verstehen ist, einem Ausweg aus ihrer Verständnislosigkeit. Springt in dieses tiefe Loch und ihr kommt zurück an die Oberfläche, logisch. Das Konzept des sich Verlierens und das Abdriften ins Absurde und Irrationale, ist übertragbar auf Funktionsweisen verschwörungsideologischen Denkens. Sie verlieren sich in ihrem eigenen fiktionalen Denken, welches anfängt ihr Weltbild zu formen. Im Film wird dies auch direkt ausformuliert: „As I believe the world to be, so it is.“

Die Konzeption des Films sich im Verlauf immer mehr im Abstrusen zu verlieren, überträgt sich auf verschwurbelte Erzählungen, die sich möglicherweise anfangs noch auf eine nachvollziehbare Basis der Wissbegierde berufen, dann jedoch durch falsch geschlossene Zusammenhänge und immer mehr banale Hinzudichtungen zu einem willkürlichen Wust des Wahnsinns kulminieren. Klaustrophobische Zustände und das Gefühl der Ausweglosigkeit empfindet man auch in der Diskussion mit so manchen Verschwörungsgläubigen, wenn man merkt, dass die Person bereits zu tief in ihrem Denken gefestigt, zu tief in ihre Katakomben, ihr eigenes fiktionales Denken gekrochen ist. Teilweise sind solche Menschen so stark in ihrem Denken gefestigt, dass sie jegliche Rücksicht auf Mitmenschen verlieren und keine Kompromisse in Kauf nehmen, um ihre Idee durchzusetzen. So auch die Protagonistin, welche ihre Mitstreiter:innen immer wieder dazu ermutigt, ihr zu folgen und keine Rücksicht auf deren Ängste und Gedanken nimmt. Selbst als die Ereignisse beginnen sich zu radikalisieren, beschwichtigt sie zwar wie leid es ihr tut, doch nimmt auch weiterhin keine Kompromisse in Kauf.

Doch letztlich endet der Film hoffnungsvoll. In dem Moment, wo man dachte, dass sie eigentlich nicht noch tiefer fallen könnten, steigt in ihnen der Erwachungsgedanke auf. Sie besinnen sich darauf zurück, welche persönlichen Traumata oder Versäumnisse, sie womöglich überhaupt erst auf diese Route entgleisen ließen. Daraufhin springen sie mit ihrem Erwachungsgedanken noch weiter hinab, in ein noch tieferes Loch, nur um festzustellen, dass sie feststecken. Eingeengt und ausweglos scheint ihre Lage nun, doch machen sie in dieser abschließenden Szene einen Gullydeckel unter sich ausfindig – und steigen dort hinab, beziehungsweise hinauf. Denn dieser führte sie wieder an die Oberfläche. As above, so below, oder so. So tief man in seinem wohlgeformten Gedankenkonstrukt wohl gefallen sein mag, ein gedankliches Erwachen, so lässt der Film es hoffen, ist zu jedem Zeitpunkt noch möglich. Am Ende ist aber auch dieser Text nur reines Ziehen voreiliger Schlüsse, ein gedanklicher Abstieg über einen Film der im Grunde wohl nichts hiervon bewusst veranschaulichen wollte, eine verschwörungsideologische Analyse – eine Zusammensetzung aus wahllos hineininterpretierten Zusammenhängen, so wie der Film selbst eben auch wahllos zusammenkonstruiert erscheint.

Titelbild: ©Universal Pictures

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