Big Mud aus Sludge Life – Videospielfiguren, die den Swag aufdrehen

Zeiten ändern sich, oder dich, sagte mal ein Wicht. Der Umgang untereinander wird zunehmend härscher, die Leichtigkeit verfliegt immer weiter. Unzufriedenheiten werden geschürt und misbraucht. Die Bevölkerung ist zurecht unzufrieden, doch worüber weiß sie zumeist nicht so genau. Unzufriedenheit lässt sich leicht misbrauchen, vor allem von Mächtigen, Wirkmächtigen, die den Ärger, den Zorn der Unzufriedenen zu gerne für ihre Zwecke ausnutzen und die Unzufriedenen sich gegen sich selbst ausspielen lassen. 

Also worüber aufregen? Das ist doch ganz klar. Über die Abstinenz des Swags. Wo ist er nur, wenn am meisten gebraucht. Die Alternativen scheinen zu dominieren. Von Vibes und Auren ist die Rede, doch was heißt das schon, leere Worthülsen sind das doch, mit denen nur so umhergeschmissen wird. In der Regel lediglich beschönigende Worte, um Imposanz, Reichtum und Macht ausstrahlenden Menschen um eine Ebene der Esoterik zu bereichern und so ihre Legitimitätskraft zu stärken. Doch der Leichtigkeitsbegriff verliert dadurch nurmehr an Bedeutung. Esoterische Nichtsaussagen dominieren nun den Diskurs, während der Swagbegriff mit jeder vergehenden Sekunde immer weiter in die Lächerlichkeit abdriftet. Es gibt Ersatz für ihn, reichlich. Die Grenzen verdichten sich, es wird aneinander vorbeigeredet. Entweder man fühlt es oder nicht, die Vibes, die Auren der Machteliten verführen zu einfachen Antworten. Die Vorherrschaft des Polemischen verhärtet sich, und der Swag verwahrlost im Schlamm der Vergessenen. Vielleicht wird es Zeit sich aufzulehnen, gegen aktuelle Herrschaftstrends, gegen Ungerechtigkeitsverhältnisse, mit den Mitteln des Swags, des vermeintlich Unbrauchbaren, Ungewollten. Zurück in den Schlamm.

In den Sludge Life Spielen wagen wir den Deep Dive und begeben uns ins Leben im Schlamm. Unzufriedenheit und Frustration werden direkt spürbar nicht nur aufgrund des visualisierten Geruchs. Diese Schlammgesellschaft scheint geprägt von Alternativlosigkeit und Trübsal, doch es gibt stets noch das aufständische Element, sei es ein Seufzer, ein Beschwerdemonolog, ein Aufstand oder eine Wandschmiererei. Überall lassen sich NPCs finden, die über ein traditionelles, dem Spielenden dienlichen NPC-Dasein und Bewusstsein hinausreichen. Im Grunde führt hier jeder seinen eigenen kleinen Protest. Sie alle verleihen ihrer individuellen Frustration über gesellschaftliche Misstände und der den Slums innewohnenden Perspektivlosigkeit Ausdruck auf eigene Weise. 

Es wird gestreikt, konsumiert, protestiert und vandalisiert oder einfach nur herumgelungert. In dieser Spielatmosphäre finden wir uns als der Sprayer Ghost wieder. Wir haben kein großes vordefiniertes Spielziel. Wir können lediglich sprayen und erkunden – passend zur Spielatmosphäre, so wie die spielerischen Grenzen unsere Interaktionsmöglichkeiten einschränken, so werden auch die hiesigen Einwohner von den repressiven Strukturen in ihrer Freiheit eingeschränkt. Also gilt es, sich die noch wenigen übrig gebliebenen letzten offenen Plätze/Räume zu erschließen, um sich auszudrücken. Wir beschmieren die uns einengenden Strukturen. Von innen und außen, Fabriken, Wohnkomplexe, Werbetafeln, Fassaden, alles was uns eine Leinwand bietet. Wir sprayen, hinterlassen Tags und mäandern durch diese verdorbene Welt. Unsere Anwesenheit mag hier nicht viel verändern, unsere Person bleibt unauffällig, doch unsere Spuren stiften Verwirrung und Entrüstung, wir sind Ghost.

Während alldem liegt oberhalb des Dunsts aus Abgasen, dem Gestank der Slums, der superreiche Glug-Unternehmer, der die Schlammgesellschaft unter seine Abhängigkeit gebracht hat, in der Spitze seines Supertowers im Suff aus Sonnenbad und Drogen fernab der ihn verachtenden Straßen. Ihn verachtende Straßen, die er jedoch in Schach hält indem er seine Privatarmee aus knüppelschwingenden Konzernangestellten ausschwirren lässt. 

Unterhalb jenes Supertowers, im drogenvernebelten Schlammbad der Slums befindet sich Big Mud. Ein aufstrebender Rapper, hausend in einem brach liegenden Schiffscontainer und stets am Finetunen seiner Beats und Texte. Er lobt unsere Tags, war früher selber ein Tagger hat vermutlich so seine ersten Rebellionen geführt, Straßenkredibilität angehäuft, observiert und Inspirationen gesammelt, welche er nun in die Texte seines für Laien unverständlich anmutenden Mumble- oder eher Rülps-Raps verarbeitet. 

Big Mud verkörpert die Komposition des absoluten Swagstandards aus Jogger, Hoodie und teuren Sneakers, mit Bravur. Die Haltung lässig oder eben auch leicht erschlagen vom Druck der Gesellschaft. Einer Gesellschaft aus der er entstanden ist, die er versucht zu verkörpern, wiederzuspiegeln aber gleichermaßen auch zu entfliehen versucht. Er genießt hohes Ansehen in den eigenen Reihen, aber zukünftig wird er auch von jenen gefeiert, die seinesgleichen verachteten und missbrauchten.

Im Nachfolgetitel Sludge Life 2 haben wir als Teil der Clique von Big Mud den Aufstieg in die High Society geschafft. Als Manager des nun erfolgreichen Rappers, finden wir uns in einem riesigen Hochhaus, einem Apartment- und Entertainment-Komplex wieder.

Doch nun tauchen neue Probleme auf, oder eher Fragen. Big Mud scheint geplagt, trotz Erfüllung seiner Träume. Der Erfolg, der Aufstieg in diese ihm fremde Lebensrealität könnten zu einem Verlust des Selbstbezugs führen, ihn in der Ausführung seiner Kunstfertigkeit beeinträchtigen und ihre Authentizität schmälern. Dieser ganze Firlefanz des gehobenen Lifestyles könnte zur Entfremdung von seinem einstigen Selbst führen. Nun ist er zwar befähigt ein Leben außerhalb des ihn so einschränkenden Gewässers zu führen, doch sehnt sich gleichzeitig nach jener Welt aus welcher er überhaupt erst entstand, erhob. Als mutiertes Froschmenschwesen das er ist, bewegt er sich nun zwischen den Welten. An Land sowie im Wasser, unter Sonnenschirmen der Upper Class sowie im Schlamm der Ghettos. Als Amphib sollte ihm dieser Spagat doch gelingen?

Ein vernebeltes Bewusstsein mag für Big Mud keine Herausforderung darstellen, aber ein von Selbstzweifeln zerfressenes tut es. Die Frage; ob er sich denn nun verkaufe, belastet ihn so sehr, dass er vorerst von der Bildfläche verschwindet – wieder zurück in den Nebel, hinunter in die Slums, auf einen berauschenden Trip in den sogenannten Fun Dungeon – ein sich bedeckt haltendes Untergrund-Kasino. Doch im Tonstudio steht ein großer Aufnahmetermin an. Wir müssen ihn nun finden und zur Besinnung bringen. Und währenddessen natürlich trotz allem Tags versprühen. Also dem nachgehen, womit wir einst in diesen Gewässern starteten Fuß zu fassen. So muss nun auch Big Mud die Selbstzweifel fallen lassen, seinen Swag zurückgewinnen, sich zurückbesinnen, um dem Morast abermals eine Stimme zu verleihen.

Die Sludge Life Spiele erzählen keine überbordende Heldenreise mit überfrachteten Spielmechaniken, sondern liefern uns eine Milieustudie zum Betreten, kurzzeitigem Miterleben und Farbe versprühen. Es zeichnet ein Gesellschaftsbild von überforderten und unterjochten Individuen. Aber in einem ist uns diese Schlammgesellschaft weit voraus, sie ließ sich eines nicht nehmen, ihren Swag. Ein Bewusstsein für strukturelle Ungerechtigkeit, eine aufrechte Haltung für ihre Mitlebewesen. Und ein gesundes Maß an Wut und Frust gegenüber den eigentlichen Verschmutzern und Unterdrückern. Sie schaffen es trotz ihres geschändeten Daseins ihre Quirkiness und Individualität beizubehalten sowie nach außen zu tragen und dieser verfaulten, verbrauchten Welt dadurch Charakter zu verleihen und gleichsam aufzuzeigen in was für einem verdorbenen Drecksloch alles enden kann oder schon längst verweilt, yo.

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