Das Paradies: ein Ort frei von jeglichem irdischen Leid und einladend zum Verweilen im ewig währenden Schlummerzustand der Glückseligkeit. Ein abschließender Meilenstein des Lebens, den es für eine jede Person anzustreben gilt. Das Paradies: eine Erfindung der Mächtigen, um ihren Unterjochten weiszumachen alles habe seine Richtigkeit. Wenn ihr nur brav genug seid, erhaltet ihr vielleicht auch Privilegien oder dürft gar unseren Garten betreten, um uns zu dienen versteht sich. In Paradise Killer befinden wir uns in der 24. Iteration eines Paradieses – erbaut und erdacht von einer Machtelite namens Syndikat. Deren Mitgliedschaft – mit Unsterblichkeit gesegnet – besetzt sämtliche kontrollierende und gestaltende Posten innerhalb dieses Paradieses, welches sich aber natürlich nicht von selbst aufrecht erhält. Es wird von den Schultern der „gewöhnlichen“ Wesen getragen, die zur Mitleidenschaft des Syndikats auch Teile des Paradieses bewohnen. Doch die direkte Begegnung lässt sich das Syndikat natürlich nicht zumuten. Es wird strikt zwischen den Klassen getrennt. Ressentiments werden geschürt und Abhängigkeiten aufrechterhalten.
Doch schieben wir den ganzen Trubel rundum wichtiger Dinge wie Klassenfragen, Machtverteilungen und Entwürfen zu gesellschaftlichen Gestaltungsfragen erstmal beiseite. Diesen Fragen können wir uns auch später noch widmen. Zunächst gilt es ja wohl das perfekte Paradies zu entwerfen. Perfekt für uns, das Syndikat. Wir müssen ja schließlich einen gewissen Lebensstandard gewährleisten – unseren. Wir müssen uns eine Ästhetik des Prunks aneignen und in Vaporwave baden, um unsere überlegene Intellektualität zu unterstreichen, um uns abzugrenzen von den Gewöhnlichen. Wir müssen einen Ort gestalten, der es uns erlaubt uns unseren Lüsten vollumfänglich und dauerhaft hinzugeben. Um unser wollüstiges Vorhaben vor den übrigen Milliarden Lebewesen zu rechtfertigen, die uns dieses Vorhaben überhaupt erst ermöglichen, müssen wir unsere Erscheinung und Relevanz verstärken. Wir müssen larger-than-life Darstellungen unserer Selbst werden. Götter und Göttinen in den Augen unserer Untergebenen. Wir müssen einen Kult um uns bilden und Abhängigkeiten schüren. Umverteilungsfragen und sonstiges Gerechtigkeitsgedöns gehört strengstens verdrängt. Priorität hat die Etablierung weiterer Rechtfertigungsstrategien für die Aufrechterhaltung und weitere Entfaltung des Syndikats und ihrer Behausung in Form des Paradieses auf Kosten allen anderen Lebens.
Aus irgendwelchen dem Syndikat unerdenklichen Gründen jedoch, scheitern die Paradiesentwürfe immer und immer wieder. Ob Naturkatastrophe, menschliche Selbstzerfleischung, Epidemien, auf die ein oder andere Weise endet das Paradies immer korrumpiert. Den Kompetenzen des Syndikats ein Versagen zuzusprechen scheint ausgeschlossen. Das Syndikat selbst ist von den Folgen ihrer Handlungen auch stets unbetroffen, so befähigen sie sich selbst einfach dazu neue Paradiese zu entwerfen und schlicht umzusiedeln wenn es brenzlig wird. Auch die Rückschlüsse die das Syndikat aus all den Zusammenbrüchen zieht, beziehen sich zuvorderst auf den Erhalt ihrer Stellung. So geht es stets nicht um eine Überwindung der Problemhorizonte, sondern, um die Stärkung der eigenen Machtposition. Erweiterungen des eigenen Handlungsspielraums und Minderung aller anderen. Schutzmaßnahmen vor einem gesellschaftlichen oder ökologischen Zerfall haben mindere Bedeutung, stattdessen lieber Barrieren zwischen Leidtragenden und Wohlhabenden.
Mit der nun anlaufenden 25. Iteration soll alles anders werden. Schließlich gaben all die gescheiterten Versuche auch Anlass aus ihnen zu lernen, nicht? Verfall durch Dekadenz steht außer Frage. Korruptionsvorwürfe werden strikt abgewiesen. Als Sündenböcke halten nach wie vor die Entbehrlichen, die Gewöhnlichen, her. An denen muss es liegen. Diese vom Leid der Existenz geplagten sterblichen Seelen. Mit ihrer Unzufriedenheit und ihren Aufschreien. Im Paradies lässt es sich ja kaum aushalten, wenn von unten ständig diese zermürbenden Schreie heraufschallen. Sollen die doch sehen wo sie hinkommen, wenn die sich nicht zu benehmen wissen! Wir sind das Syndikat! Die sollten sich glücklich schätzen unseren Lebensstil mit ihren Leben zu bezahlen.
Kurz vor unserem Aufbruch in die heißersehnte nächste Iteration des Paradieses, genannt Perfect 25, kommt es jedoch zu einem eklatanten Ereignis. Einem erschütternden Mordfall! Ein Attentat an der gesamten Ratsversammlung des Syndikats – unerhört! Um den Erfolg der nächsten Iteration nun dennoch gewährleisten zu können sollten wir also vielleicht erst einmal versuchen dieses Ereignis aufzuarbeiten und einen Verständnisgewinn fördern! Ach, das wäre doch Zeitverschwendung, gehen wir einfach ins nächste Paradies über! Die unabhängig agierende Inselentität „Judge“ lässt dies jedoch nicht zu, sie verschließt das Paradies und verlangt nach einer Aufarbeitung des Falls mitsamt Gerichtsverfahren. Außerdem muss eine Ermittlung stattfinden. Wer könnte diese Aufgabe von potentiell fundamentaler Bedeutung nur bewerkstelligen? Das Syndikat ist an einer möglichst raschen Ausführung interessiert, um endlich überzusiedeln. Die Schuldlast liegt selbstverständlich auch schon vor – auf einem zornerfüllten gewöhnlichen Menschen. Die Beweise liegen ebenso bereits auf der Hand. Es scheint sich hier also lediglich noch um Formalien zu handeln. Alles Erforderliche scheint bereits vorgelegt. Wer auch immer sich dieser Aufgabe widmen wird, diese ausführende Instanz muss nun lediglich akzeptieren: die Wahrheit – des Syndikats.
Gewinnen wir nun lieber etwas Abstand vom Syndikat. Es gilt einen kühlen Kopf zu bewahren! Man möchte fast meinen eine vernunftgeleitete rational denkende Meisterermittlerin sei von Nöten. Um durch dieses Gedränge aus Geschehnissen und egoüberladenen exzentrischen Gestalten zu navigieren. Wer könnte den notwendigen Swagger aufbringen? Ein Blick für die Innereien der perversen Gewerke des Syndikats und gleichzeitig fähig das Gesehene mit Abstand einzuordnen. Lady Love Dies wird vom „Judge“ aus ihrem 3 Millionen tägigen Exil zurück in den Dienst und somit auch ins Paradies berufen!
Einst noch selbst Mitglied des Syndikats und verantwortlich für sämtliche Ermittlungsverfahren, die innerhalb der paradiesischen Ordnung aufkeimten. Vielleicht störte sie diese Ordnung zu sehr, vielleicht zerbrachen sich Teile des Syndikats schon ihre Köpfe darüber, wie sie Lady Love Dies loswerden. Früher oder später musste sie entfernt werden. Wer weiß das schon, doch letztendlich wurde sie für ein selbstverschuldetes Vergehen verbannt. Für das Gefährden des paradiesischen Wohls, indem sie sich zu einer sündhaften Tat verführen ließ. Es ist ihr allerdings nur schwer übel zu nehmen, das Syndikat hintergangen zu haben.
Als Spielende schlüpfen wir nun also in die Rolle eines Ex-Syndikatmitglieds, welches viel Zeit damit verbringen durfte, die Geschehnisse aus der Entfernung zu betrachten, ein bisschen Abstand zu dem Hedonismus, dessen sie selbst einst Teil war, aufzubauen. Ob das nun bedeutet, dass wir interessiert an der Wahrheit die Spuren des Falls verfolgen, oder sie womöglich einfach nur bis zur Unkenntlichkeit weiterverwischen oder gar nicht erst betrachten, liegt am Spielenden selbst. Unsere Freiheit ist jedenfalls erstmal wieder gewährt. Das Spiel beginnt und wir betreten die sich uns öffnende Welt.
Als Lady Love Dies bewegen wir uns fortan durch dieses sich im Verwelkungsprozess befindende Paradies. Spielmechanisch ist Paradise Killer ein reines Lustwandeln. Uns wird zwar eine offene und imposant gestaltete Spielwelt zum Erkunden dargeboten, jedoch dient uns diese nicht als Spielwiese mit allerlei Interaktionsmöglichkeiten wie bei einem Minecraft oder GTA. Die Open World des Paradieses ist auch spielmechanisch reine Fassade, alles glänzt, ist aber nicht wirklich brauchbar, was den Effekt der Narration nochmals unterstreicht. Unsere Tätigkeit beschränkt sich komplett auf das Explorieren und Ermitteln. Wir schlendern also schlicht durch die Spielwelt und klicken die auf ihr verteilten Collectibles an, um sie einzusammeln. Fallhinweise, Gesprächsoptionen, ästhetische Erweiterungen, wie Soundtracks und Menüdesigns, und Fragmente vergangener Welten lassen sich finden und ergründen. Es ist schlicht egal wo wir als erstes hinlaufen, wir können uns frei dem Erkundungs- und Sammeltrieb hingeben, wie ein wahres hedonistisches Mitglied des Paradieses eben. Nichts auf der spielmechanischen Ebene erhebt Anspruch auf Komplexität. Es ist ein einziges sich Treibenlassen im Klang der besänftigenden Musik durch die künstlichen Szenerien. Künstlich nicht nur, weil die Entstehung dieses Paradieses allein schon ein artifizielles Unterfangen war, auch ihr jetziger Zustand ist einer des doppelten Schauspiels. So besteht nun neben der ästhetischen Fassade zur gesellschaftlichen Abgrenzung eine weitere Fassade bezüglich des Mordfalls, hinter die wir zu blicken versuchen. Die NPCs stehen als zweidimensionale Modelle in dieser dreidimensionalen Spielumgebung herum und wirken daher wie Pappaufsteller. Zudem richten sie sich stets nach Blickrichtung der Spielenden, als wollten sie ihre Zweidimensionalität verbergen. In ihrem Auftreten sowie ihren Aussagen versuchen die NPCs hier die ein oder andere Dimension der Wahrheit zu verschließen.
Spielmechanisch werden wir zwar absolut gar nicht herausgefordert, doch auf der Wahrnehmungsebene befindet sich wenigstens die Option einer Herausforderung. Wir können das Spiel spielen, durchspielen sogar, ohne auch nur im Ansatz den Fall aufzuklären, uns einfach dem Lauf der Dinge hingeben und wie bewusstlos in die nächste Iteration des Paradieses übergehen, oder versuchen das Geschehene in seiner Ganzheit zu erfassen und aufzuarbeiten. Das Erfassen und Aufarbeiten mag mühsam klingen, doch wie wir bereits wissen ist alles was wir dafür tun müssen, ein wenig durch die Spielwelt zu schlendern, Dinge anzuklicken und zuzuhören. Lady Love Dies ermöglicht hier durch ihre umgängliche Swaggerness einen einfachen Zugang zu Spielwelt und Erzählung.
Während das Syndikat mit prunkhaftem Auftreten stellvertretend für eine Abkopplung vom lockeren Swagger stehen – nämlich eher einem Extravaganza Hochglanz Upper Class Swagger – können wir als Lady Love Dies zumindest den Versuch unternehmen für mehr als nur uns selbst einzustehen, den Versuch unternehmen leichten Schrittes durch das verdorbene Paradies zu treten und einen bahnbrechenden Korruptionsfall aufzuklären. Bahnbrechend, weil allein der Versuch einer Aufarbeitung schon die Limits des Syndikats zu sprengen scheint, sie provoziert. Wir müssen aber nicht, wir können es uns auch bequem machen, unser Platz im nächsten Paradies ist ja schon gesichert.
Lady Love Dies Swaggerness-Parameter bezüglich Erscheinung und Auftreten sind zunächst sehr hoch eingestellt, schwanken jedoch zwischen dekorativem Fake-Swagger und aufrichtigem Swagger-Swagger, abhängig davon was wir als Spielende bereit sind wahrzunehmen oder eben auszublenden. Wie auch immer wir uns entscheiden: das Paradies stirbt. Was aus dem nächsten wird bleibt offen. Das einzige, was uns bleibt, ist unser Erkenntnisgewinn. Das Spiel offenbart uns keinen Blick in die Zukunft, weder in eine strahlend rechtschaffene noch in eine düster verkommene. Das Paradies stirbt, wird auch weiterhin sterben und weiterhin Ermittlungen bedürfen. Aber immerhin bezeugt dies ja noch das Vorhandensein von Leben, die Notwendigkeit von Leben. Irgendwas muss ja da sein, fähig zu sterben, wenn auch zwang- und schmerzhaft immer wieder reanimiert unter unterträglichen Qualen, um der Suche nach einem perfekten Paradies weiter nachzugehen. Die Wirkung unserer Ursachenforschung ist nicht direkt spürbar, womöglich niemals, womöglich aber auch, konnten wir den Lebenskreislauf für das nächste sterbende Paradies ein bisschen weniger qualvoll gestalten. Hauptsache Sie ist zur Stelle, wenn das nächste Paradies untergeht, um zu hinterfragen woran es lag. Ihre Spürnase wird erforderlich sein. Erneut. Paradise dies. Love dies.
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