Verfilzt und verlottert der Verwahrlosung überlassen. Für selbstverständlich erachtet; unserer Unterhaltung dienend. Sicher, Maskottchen sind keine eigenständigen Lebewesen. Doch was wenn sie es wären? Wir kennen Maskottchen als stellvertretende Symbole irgendwelcher Marken oder als verschwitzte, plüschig kostümierte Hampelwesen auf Sportveranstaltungen und Messegeländen. Das Maskottchen ist stets eine von der Realität abstrahierte Lebensform. Seine Existenz dient einzig dem Zweck der Marke. Maskottchen sollen gute Gefühle vermitteln, identitätsstiftend sein, eine Verbindung zwischen Mensch und Marke herstellen. Ihre Existenz ist vorbestimmt, verdammt. Sie sind dazu verdammt, niedlich zu sein, zu grinsen, und zuvorderst zu dienen. Glücklicherweise sind sie also nicht echt.
Wären sie echt, ließen sie sich dann immer noch so simpel fremdsteuern, wie Marionetten behandeln? Wenn ihre Existenz nicht bloß eine Rolle, ein Kostüm zum An- und Ablegen wäre?
In Promise Mascot Agency sind Maskottchen echt. Echte, denkende, fühlende und eigenständige Lebewesen. Hier nehmen sie verschiedenste und abstruseste Formen an. Sie sind schräg, niedlich, laut, leise, kompliziert, angsteinflößend, liebenswert. Aber auch verwahrlost. Die Faszination für Maskottchen ist oftmals von geringer Halbwertszeit. Die meisten basieren auf Gimmicks oder sind einzelnen Konzepten nachempfunden. Sie lösen vielleicht anfangs Begeisterung aus und ziehen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Doch dieses Interesse flacht nur allzu schnell wieder ab, das Publikum will immer wieder Neues sehen. In einer Welt der künstlichen Maskottchen mag dies kein Problem sein. Ein Kostüm oder Symbol lässt sich schnell und leicht neu entwerfen, ohne Rücksicht auf Vergangenes. Doch die Maskottchen aus Promise Mascot Agency sind eben eigenständige Lebewesen, keine Kostüme. So werden sie ökonomisch ausgesaugt, bis nichts mehr aus ihnen zu holen ist, und schließlich an den Rand der Gesellschaft verdrängt: nach Kaso-Machi, unsere offene Spielwelt in Promise Mascot Agency.
Kaso-Machi als Region und Spielwelt ist ebenfalls vernachlässigt und ausgebeutet. Die Region gilt als verflucht, randständig. Sie ist eine gesellschaftliche Anomalie. Als zunächst Fremder fahren wir in diesen abgesonderten Bereich hinein, in dem völlig andere Regeln zu herrschen scheinen, Naturgesetze außer Kraft treten und ganz generell das Gewöhnliche in Abwesenheit verschreckt zu sein scheint. Doch mag dies alles nur Fassade sein. Ein Kostüm, das der Region aufgesetzt wurde, um die hiesigen Missstände nicht weiter hinterfragen zu müssen. Ein Fluch soll über dieser Region lauern, etwas Besiegeltes, verantwortlich für all das Leid. Labile Existenzen, Kriminelle, Sonderbare, und jegliche andere von der Wohlstandsgesellschaft Ausgestoßene, für die sich jene nicht verantwortlich sehen will, werden hier sich selbst überlassen.
Schließlich lässt sich die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für Mitlebewesen auch um ein Vielfaches leichter abgeben, wenn man diese als „verkommen“ abstraft. Die hier ansässigen Maskottchen und Menschen sind einer Feindbild-Erzeugung unterworfen. Einer Dämonisierung von Individuen, welche eine Verlagerung gesellschaftlicher und politischer Verantwortung in die Eigenverantwortung zum Ziel hat. Doch selbst wenn die Eigenverantwortlichkeit wahrgenommen wird; der strukturgeschwächte Ort Kaso-Machi wird trotzdem jegliche Bemühungen der Maskottchen, Rechte einzufordern und sich ein würdevolles Leben aufzubauen, unterwandern. Die korrumpierten Strukturen – aufrechterhalten vom korrupten Bürgermeister – überdecken das Individualrecht der Maskottchen. Nicht nur werden sie entmächtigt, sondern auch ausgebeutet. Das Versprechen der Selbstverwirklichung ist ein Kostüm. Die wirtschaftlichen Erträge münden in die Taschen der Korrupten. Durch die Verschleierung, diese Kostümierung der Machtverhältnisse, muss erstmal geblickt werden. Die Narrative der Esoterik, die Lügen der Herrschenden, die Verurteilung der Entrechteten besitzen noch zu immense Macht.
Nun betreten wir also als das hochrangige Mitglied einer Yakuza-Organisation namens Michi the Janitor diesen Maskenball lauter bunter herrlicher Persönlichkeiten, bei denen wir jedoch nicht immer wissen, woran wir sind. Als Yakuza kennen wir uns allerdings gut aus mit Verschleierungen und Machtspielchen. Deshalb sind wir überhaupt erst an diesen Ort gekommen. Wir sollen unsere „Schulden“ begleichen. Wir wurden von unserem Clan ins Exil geschickt, verbannt nach Kaso-Machi. Die Geschehnisse, die hierzu führten, die mafiösen Machenschaften, bleiben zunächst verschleiert. Genaueres gilt es im Spielverlauf aufzudecken. Wir erhalten zwar eine kleine Einführung in verschiedene Figurendynamiken, Clanstrukturen und geplatzte Deals, die zu unserer misslichen Lage führten, doch klar ist, dass noch gar nichts klar ist.
Im Grunde wurden wir der Verwahrlosung überreicht, zumindest wurde es sich so gedacht. Eine unmöglich zu erwirtschaftende Geldsumme innerhalb kürzester Zeit wurde uns als Schuld angelastet. Wir sollen nun einen hiesigen, miserabel laufenden Maskottchen-Vermittlungsbetrieb übernehmen und einen Haufen Kohle scheffeln. Im Exil, in einem gebeutelten, zugrunde gewirtschafteten Land, verantwortlich für eine kleine Agentur und ihrer zunächst nur einer Handvoll Mitarbeitenden, lediglich angetrieben von Ambitionen kindlicher Naivität, vielleicht aber auch von herausquellendem Wahnsinn und einem Zorn der Gerechtigkeit.
Wie bewerkstelligen wir nun nur diese Mammutaufgabe? Die Revitalisierung von allem, was als hoffnungslos verloren gilt, unbelebbar, einer Region, der schon längst abgedankt wurde, einer Bevölkerung, die soziokulturell dämonisiert wurde. Wie sollen wir nur an diesem totgesagten Ort mit all seinen geisterhaften Tendenzen etwas Greifbares, Lebhaftes entstehen lassen? So etwas wie eine Gemeinschaft, eine stabile Lokalökonomie, Infrastruktur? Ganz einfach. Mit der Kraft der Freundschaft, dem Herz der Karten, ein bisschen Greifarmautomatengeschick, der Fähigkeit zuzuhören bzw. Dialoge zu lesen, Investmentglück und der Überwindung all unserer innersten Ängste. Wenn es doch nur so einfach wäre. Tatsächlich aber antwortet Promise Mascot Agency auf all diese Problemlagen des Elends, indem es diese simplen Konzepte und Versprechen des schnellen Erfolgs in seine ebenso simplen Spielmechaniken einkleidet.

Spielmechaniken, die eigentlich fast schon altbacken wirken, die in ihrer so wie hier integrierten simplen Daseinsform an Popularität verlieren; deren Existenz in Frage gestellt wird, die aufs Abstellgleis gehören und eigentlich einer Renovierung bedürfen. Wir kennen sie schon, sie nerven viele nur noch, wollen nicht mehr gesehen werden; wie die Maskottchen und die Spielwelt selbst sind auch die Spielmechaniken Verurteilte. Promise Mascot Agency fungiert nicht nur innerhalb der Spielerzählung als Vermittler (zwischen Kunden und Maskottchen) – auch zwischen Spielenden und Spiel selbst vermittelt es als Hort verbrauchter Spielmechaniken und -konzepte. Versucht es uns diese – ungewohnt in ihrer Präsentation, aber eben bekannt in ihrer Funktion – wieder näherzubringen. Kostümiert es sie auf gewisse Weise, oder viel eher demaskiert es sie und lässt sie sich so in ihrer Absurdität frei entfalten.
So erfolgt das fundamentale Gameplay – das Erkunden der Spielwelt – per Pickup-Truck und mit einer soliden und eben sehr vertrauten Fahrzeugsteuerung. Diese wird nach und nach durch Upgrades erweitert, wodurch wir u.a. Boosts, Gleiter, Hüpfmodul und Maskottchen-Abschussvorrichtungen (im Grunde eine Shooter-Gameplayfunktion) installieren können. Ja, die Funktionen im Einzelnen sind uns nur allzu vertraut, doch die Präsentation und Verzahnung dieser darf hier völlig abdriften. Wir können fahren, springen, Gleiter ausfahren, daraufhin anfangen zu boosten und so im Grunde fliegen, und währenddessen beispielsweise Propagandaplakate der korrupten Regierung mittels Maskottchenabwurfs aus der Luft niederschießen.
Weitere wild kostümierte und verzahnte Spielaspekte sind die Rekrutierung sowie das Management von Maskottchen und unserer Finanzen. Wir stehen vor einem ständigen Balanceakt zwischen Teilrückzahlung unserer Schulden und Investitionen in die Infrastruktur unseres Maskottchenimperiums und von Kaso-Machi. Zudem besteht auch noch die Wahrscheinlichkeit auf „Random Encounters“, wenn wir unsere Maskottchen auf Aufträge bzw. Auftritte schicken. Diese Zufallsereignisse stellen dann zumeist Bewährungsproben für unsere Maskottchen dar, bei denen wir ihnen Beistand leisten. Ein Maskottchen bleibt im Türrahmen stecken, ein Maskottchen scheitert an der Bedienung eines Snackautomaten, ein Maskottchen stolpert über einen Bürgersteig, ein Maskottchen wird von einem Krähenschwarm belästigt oder von einer Gruppe sensationsgeiler Schaulustiger belagert. Es gibt eine Vielzahl absurder Störfaktoren, die unsere Maskottchen mit Selbstzweifeln und Stolpergefahren konfrontieren – die versuchen, sie bei ihren Auftritten sowie in Livestreams bloßzustellen. Spielmechanisch begeben wir uns hier in ein Card-Battling-Minispiel, bei welchem uns die in der Spielwelt angetroffenen Figuren in Kartenform zur Hilfe eilen. Im Grunde die freien Mitarbeitenden unserer Agentur. Karte auswählen, Angriffswerte beachten, ausspielen; absolut simple Mechanik in aberwitzigem Gewand.
Aus einem überdimensionierten Greifarmautomaten ziehen wir Merchandise-Artikel, die sich glücklicherweise nach Erhalt vervielfältigen und gewinnbringend weiterverkaufen lassen. Weitere Gewinnbeteiligungen erhalten wir durch das Erkunden von Kaso-Machi, das diverse Investitionsgelegenheiten bereithält. Öffentliche Infrastruktur wie das verwahrloste Schienennetz, Tourismusattraktionen wie z.B. ein sagenumwobener Geistertunnel, oder auch klein- und mittelständische Unternehmen wie Bars, Restaurants, Lebensmittelmärkte, Arcade-Hallen und Sadomaso-Keller nehmen unsere Geldanlagen bereitwillig entgegen.



Den auf dem Abstellgleis platzierten Mechaniken wird in Promise Mascot Agency auf der Präsentationsebene eine völlige Entgleisung gewährt und wir dürfen sie in diesem Gewand der Absurdität neu wahrnehmen. Obwohl wir spielmechanisch kaum gefordert werden, bleibt es ein abwechslungsreiches und unterhaltsames Unterfangen, sich in Kaso-Machi zu betätigen. Der Umsturz der Machtverhältnisse ist leicht vollbracht, die ökonomische Schieflage ist leicht geradegebogen, und um das Vertrauen der Mitlebewesen zu gewinnen, braucht es ebenso nur einen leichten Tastendruck, einen darauffolgenden Dialog und eine anschließende Rekrutierung in die Agentur. So haben wir es spielmechanisch eigentlich „nur“ mit einem Walking- bzw. Driving-Simulator zu tun, welcher sich erzählerisch wie eine Visual-Novel durchklicken lässt.
Promise Mascot Agency lässt keine großartige Innovation stattfinden, bietet keine spieldesigntechnische Tiefe, erhebt keinen Anspruch auf neuartige Erweckungserlebnisse und lässt uns kein Heureka erleben. Stattdessen richtet es den Blick auf das, was da ist, und versucht, es zu revitalisieren. Es offenbart einen frischen Blick auf Altbekanntes – eine Demaskierung eines Prinzips des ständigen Ersetzens und Verwerfens – und legt einen ermächtigenden Umgang mit den Verworfenen nahe. Denn Maskottchen sind ja auch nur Menschen.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Rahmen der GASTSPIELER-Reihe auf SPIELKRITIK.com.