Drachen als mythologische Kreaturen genießen hohes popkulturelles Ansehen – weil sie unbändiges Imaginationspotential freisetzen? Wir assoziieren mit ihnen eine bewundernde Ästhetik, Macht, Reichtum und Unabhängigkeit, würden all jene Attribute am liebsten für uns selbst einfordern. Wir idealisieren sie, imaginieren sie, in verschiedenster Form aber zumeist in gleicher Weise, als überaus mächtig. Als Hüter von Schätzen wachen sie über ihren Drachenhort, oder hinterlassen Spuren der Verwüstung beim spontanen Überfliegen, der von Menschen in ihrem Besitz geglaubten, Ländereien. Die Drachen bilden mit ihrer Unberechenbarkeit eine Chaoskomponente im Ordnungssystem der Menschen. Fordern sie den Menschen Tribute ab, unterjochen sie, aus reiner Willkür, oder wie ist ihr teils drakonisches Handeln zu lesen? Als simpler tierischer Überlebenstrieb, als völlig rationaler Verteidigungsreflex, oder als bewusster Affront gegen die Menschen mit ihren Trieben und Süchten? Gibt es solche und solche Drachen? So wie es solche und solche Menschen gibt? Manche machtstrebende Menschen mögen Drachen so sehr, dass sie sich großspurigerweise selbst zu solchen ernennen und sie sich auf ihre Rücken malen. In der Yakuza Spielereihe wird so die ein oder andere Figur ungeniert in Szene gesetzt. Yakuza streben scheinbar danach wie ein Drache zu sein, doch was das so genau bedeuten soll, außer eben viel Macht, bleibt eher Gegenstand der Imagination.
Die Yakuza-Spiele sind stets durchsetzt von Drachensymbolik, ob nun als Rückentattoos und Namenstitel plotrelevanter Charaktere, Kampfstile, im generellen Artdesign der Spiele, in Ladescreens, im HUD, im Namen des Dev-Studios, oder noch direkter, im Namen des Spiels. In Yakuza: Like A Dragon haben wir es mit einem neuen Protagonisten zu tun, wie erwartet starten wir zunächst als kleiner Fisch im großen Jacuzzi-Becken der Yakuza. Protagonist Ichiban Kasuga trägt auf seinem Rücken, ebenso wie bisheriger Yakuza-Protag Kiryu, ein Drachentattoo. Jedoch ist seiner etwas unscheinbarer, unvollständiger – eigentlich ist es ein Fisch. Der sogenannte Drachenfisch ist ein Fisch, der beständig versucht einen Wasserfall hochzuschwimmen. Als sinnbildliche Aufstiegsgeschichte soll dieser Fisch dann als Belohnung für seine zähen Bemühungen die Transformation zum Drachen erwarten. Vielleicht ebenso ein Sinnbild für Aufstiegsversprechen an sich? Ist ein solcher Aufstieg nicht nahezu unmöglich? Wird dem Fisch hier nicht ein völlig illusorisches Versprechen gegeben? Ist er im Rahmen der Realität dazu verdammt sein Leben lang diesem Versprechen hinterherzujagen? Bleibt der Fisch für immer ein Fisch? Oder überwindet er die Hürden der Realität, schafft das Unmögliche? Mit einer Menge Fantasie.
Zunächst ist Ichiban also nur ein Fisch, der versucht wie ein Drache zu sein. Ichiban wird zu Beginn von seinem Clan fallen gelassen, findet sich obdachlos auf den Straßen Ijinchos wieder. Erfolgt hier nun eine Umdeutung der Drachensymbolik? Mit neuem Protagonisten, neuer Kampfmechanik, neuem Standort und Fisch. Immer wieder wird Ichibans Verhalten hinterfragt und versucht zu korrigieren. Ein Yakuza habe sich so und so zu verhalten. Doch Ichiban hat seine ganz eigene Vorstellung davon was einen waschechten Yakuza auszeichnet und richtet sich stets nach seinem ganz persönlichen Wertesystem. So dient ihm die Heldenreise aus Dragon Quest als gedankliche Vorlage für all jenes, was er in seiner Welt erlebt und wie er handelt. Er abstrahiert immer wieder, zieht Vergleiche, schließt Zusammenhänge, zu Dragon Quest, was wir auf narrativer sowie spielerischer Ebene mitverfolgen. Wenn Ichiban einen Kampf betritt, beginnt die bisherige Wahrnehmung der Realität zu verschwimmen, das Bild verwischt und er betritt eine verzerrte Version seiner Realität, einen Raum der Imagination – man kann es auch einfach Random Encounter nennen. Plötzlich haben seine Gegner teuflisch rote Augen, tragen absurde Ausrüstungen und sind einem überweltlichen rundenbasierten Kampfsystem unterworfen. Auch in der Inszenierung von sich selbst und seiner Party leistet Ichis Imagination Erstaunliches, überhöht explosive Animationen der Fähigkeiten und heldenhaft kraftvolles Auftreten. Wir sind der Selbstwahrnehmung des Helden hilflos ausgesetzt, die absurde Inszenierung des Spektakels begeistert aber. Es macht Spaß sich einfach nur herumzuprobieren an den vielen verschiedenen absurden Fähigkeiten und zu sehen was Ichis Imaginationsebene als nächstes präsentiert.
Ist Ichibans Drachensymbolik nun eine andere? Eine des Beschützers? Des Verteidigers der sozial schwächer Gestellten? Zunächst ist er nur daran bestrebt den Obdachlosenhort, der ihn aufnahm, und seine Mitmenschen zu verteidigen und weniger danach Schmiergelder einzutreiben und Leute zu unterdrücken. Doch gerade durch sein durch Dragon Quest ausgeprägtes Gerechtgkeitsbewusstsein wirbelt er in Ijincho ein Chaos der Zusammenhänge auf. Und neben der Hilfsbedürftigkeit des Obdachlosenhorts zieht sich ein gesamter Rattenschwanz an weiteren Hilfsbedürftigkeiten durch den Ort. Sodass er sich plötzlich verwoben im Netz politischer Machtspielchen und organisiertem Verbrechen wiederfindet. Sein sozialer Status mag sich zwar verbessert haben, doch wie soll er die durchkorrumpierten obersten Etagen der unterdrückerischen Machtelite bewältigen, solange er selbst nicht in Besitz von Geld und Macht ist? Hier hilft nur noch die Kraft der Esoterik, mit Hilfe der Macht der Gedanken betreiben wir Geldmanifestation! Und es klappt: plötzlich bieten sich uns großartige Business Kooperationen an, als Gesellschafter für ein kommendes Investmentunternehmen starten wir groß raus, bauen ein eigenes Finanzimperium auf! Vielleicht bot sich diese Gelegenheit aber auch einfach nur aufgrund unserer Hilfsbereitschaft, der Kraft der Freundschaft und etwas Glücks und nicht aufgrund irgendeines esoterischen vernunftverachtenden Wahns. Wer sind wir denn, das wir an so einen Stuss glauben, wir gehen lieber vielversprechende Businessdeals mit Hühnern ein.


Anstatt ein Huhn zu reißen, kooperieren wir auf unternehmerischer Ebene mit einem – ein weiterer Wandel der Drachensymbolik. In vielerlei Hinsicht befasst sich Yakuza: Like a Dragon mit sozioökonomischen Absteigern, gesellschaftlichen Außenseitern, Abgehängten, Geächteten. Beginnend mit Ichiban selbst, aber auch seinen Partymitgliedern. Nicht nur in den unzähligen Side Stories finden die Belange der Lower Class ihren Platz, auch in der Haupthandlung. Oftmals reduziert sich die Inszenierung Obdachloser in Medien auf ein Simpelstes, lediglich dazu dienend einen Status Quo zu veranschaulichen oder sogar aufrecht zu erhalten, einen Eindruck zu bestätigen. In Like a Dragon geraten die Belange und Charaktere all jener eher in den Vordergrund, als nur versauernd und lungernd als Hintergrundkulisse herzuhalten und Vorurteile zu bedienen. So gerät ein aus den hintersten Reihen, in engen Käfigen gehaltenes, für unqualifiziert befundenes, Lebewesen, plötzlich in den Vordergrund: Omelette, das Huhn, Business-Huhn.
Like a Dragon bietet eine Vielzahl an Minispielen, die zudem auch oftmals ihre ganz eigenen üppig angelegten Narrationen ausbreiten. Meist werden wir auch in diesen Bereichen von der Sogwirkung Ichibans Imagination mit ihren eigenen Visualisierungen eingenommen. Wenn wir im Kino gegen das Einschlafen ankämpfen und uns vor den einschläfernden Zaubern eines humanoiden Schafwesens verteidigen, wenn das Pfandsammeln oder das Kartfahren in extreme Crash-Racing-Competitions ausartet, oder, und das ist vermutlich das verrückteste und realitätsfernste, wenn wir tatsächlich im Jahrmarkts-Scam-Klassiker – den Greifautomaten – gewinnen. Und dann ist da eben auch noch das Huhn als unser wichtigster Ansprechspartner in der Business-Management-Simulation. Doch was ist nun Realität, was reine Imagination, und was vielleicht nur überhöhte Wahrnehmung? Der Greifautomaten-Erfolg muss das Produkt Ichibans Imagination sein, das Huhn ist real, so viel steht fest.
Zunächst leiten wir im Management-Minigame lediglich ein Süßwarengeschäft, das uns ein wenig von unseren Geldsorgen befreit. Doch schon bald, sollten wir uns dieser Aufgabe denn annehmen, ragt hier ein riesiges Businessimperium hervor, vorausgesetzt wir setzen unser Personal richtig ein und treffen die richtigen Entscheidungen. Wobei es hier lediglich eine richtige und wichtige Entscheidung zu treffen gibt: Den Einsatz von Omelette, dem Huhn, als Co-CEO. In diesem Management Game sind wir verantwortlich für die Zufriedenheit und Akquirierung unserer Mitarbeitenden, die Erschließung neuer Properties, und die Beobachtung unseres Finanzhaushalts, welcher bei regelmäßig – auch spielmechanisch – stattfindenden Shareholder Meetings geprüft wird. Diese überwältigend anstrengend erscheinenden Gameplay Events, mit ihrer Vielzahl an Eindrücken, Zwischenrufen und Erwartungshaltungen, können schnell überanstrengen und verwirren. Doch eines gibt uns Halt und Rückendeckung, Omelette. Die Investoren verlangen Ergebnisse und Stellungnahmen. Doch zum Glück sind wir diesen nicht allein ausgesetzt. Ein ausgewählter Stab aus Mitarbeitenden begleitet uns auf die Meetings und hilft uns dem Druck Stand zu halten. Unser Ziel während dieser Meetings ist es lediglich zu überleben, einen vorgegebenen Zeitraum über all den Eindrücken und Kritiken standzuhalten, ohne nachzugeben. Und wer könnte nicht besser dafür geeignet sein, den Fragen und Erwartungen der Shareholder Rede und Antwort zu stehen, als ein völlig stressresistentes und lautstark gackerndes Huhn, das jene Shareholder gar nicht erst zur Rede kommen lässt und kritische Einwände einfach übertönt.


Findet Like A Dragon hier die perfekte Allegorie? Das Huhn, dessen Gegacker ihre Gegenüber in völliger Verständnislosigkeit versetzt? Eine Verstädnislosigkeit, die keine andere Option als die völlige Zustimmung zulässt? Ein Huhn als Allegorie für die nur mühsam zu ertragende Interessenvertretung. Wirres Gefasel und gescheite Selbstinszenierung sind hier gefragt und das Geschäftshuhn überzeugt auf ganzer Linie: die Shareholder liegen uns zu Füßen, unser Unternehmen erweitert sich stetig und schon bald ist der, für unmöglich zu erklimmen geglaubte Wasserfall, bezwungen. Doch wie bewerkstelligt Ichiban all dies für unmöglich geglaubte? Eine Formel für Ichibans Erfolg gibt es nicht, lediglich die Dragon Questsche Lebensdevise. Ichibans Imagination, in welcher ein Großteil des Spiels stattfindet, sollte hier allerdings nicht als Realitätsleugnung oder Verzerrung gelesen werden, sondern eher als Verstärker. Einiges mag verschleiert bleiben, auf der funktionalen Ebene, wenn sich Zeit und Raum Ichis Imagination unterwerfen – doch die Geschehnisse und Situationen, in die Ichi sich wirft sind stets real, nur eben bedeckt mit Ichis persönlichem Heldenfilter, durch den seine Wahrnehmung ins Absurde überhöht und er vermutlich überhaupt erst die unreale Willenstärke und Passion erhält, durch die er jegliche Hürde und Herausforderung bereit zu meistern ist. Ichiban setzt seine eigene Version dessen um, was es auszeichnet, ein Yakuza zu sein, zu sein, wie ein Drache. Ob nun überhöht oder nicht, am Ende sitzt nicht nur in Ichibans Imagination, sondern auch in der Wirklichkeit ein Huhn an der Spitze der Nahrungskette, im obersten Stockwerk des Ichiban Holdings Towers.
