Die Suche nach dem Sinn hinter der willkürlichen Zerstörung in und von Game of Thrones

Spoilerwarnung!!!

 

Warum? Das ist es, was wohl vielen durch den Kopf gegangen ist, während in der vorletzten Episode von Game of Thrones eine der wohl größten Charakterwandlungen der Film- und Seriengeschichte stattfand.

Empörung, Begeisterung und Enttäuschung liegen derzeit nah beieinander, wenn es um die heiß diskutierten letzten Folgen der Serie Game of Thrones geht. Empört von den Handlungen, Entwicklungen oder auch fehlenden Entwicklungen der Figuren, die man so lange begleitet hat. Begeistert von den technischen und inszenatorischen Leistungen der ganzen Menschen hinter dieser Serie. Enttäuscht vom gehetzten, nicht mehr nachvollziehbar wirkendem Drehbuch, welches wohl darauf zurückzuführen ist, dass man keine ausführlichen Buchdetails mehr zur Vorlage hat und das Geschehen mehr wie ein Abarbeiten von Stichpunkten von einem Notizzettel wirkt.

Nun kann man sich darüber beschweren, was ich auch schon zu Genüge getan habe, aber ich versuche hier jetzt mal nach so etwas wie Sinnhaftigkeit zu suchen. Denn diese Charakterentwicklung liest sich auf dem Papier erstmal ja nach etwas sehr Grandiosem. Die Befreierin von Sklaven, (vermeintlich) rechtmäßige Thronerbin und Mutter der Drachen, die wir über den gesamten Verlauf der Serie als wahrliche Heldin wahrgenommen haben, wird am Ende zur Sklavin ihrer Selbst, fällt der Gier nach dem Thron zum Opfer und wird zum allerletzten Endboss dieser umfassenden Sage? Genial. Allerdings wirkt es so wie in der Serie nun dargestellt sehr plump und kaum nachvollziehbar. Leider.

Dany und Drogon setzen Kings Landing so gnadenlos in Schutt und Asche wie es D.B. Weiß und David Benioff mit ihren ursprünglich so nachvollziehbar gestalteten Figuren tun. Es sind die D&D’s der willkürlichen Zerstörung. Doch ist es wirklich willkürlich, oder wirkt es nur so? Weil uns keine passenden Entwicklungen präsentiert werden, die zu solchen Ergebnissen führen könnten. Weil sich keine Zeit mehr genommen wird, um den Sinn hinter der Inszenierung zu hinterfragen. Wenn eine Inszenierung die auf Schockeffekte baut, Überhand gewinnt. Wenn ein Drache im einen Moment von einer Ballista gnadenlos vom Himmel geschossen wird und im nächsten Moment ein Drache problemlos eine ganze mit Ballisten besetzte Schiffsflotte wegsprengt. Wobei hierin nicht einmal das grundlegende Problem liegt. Warum werden Daenerys und Drogon zur Impersonifizierung eines Atomkriegs, anhand dessen die volle Grausamkeit des Krieges veranschaulicht wird? Warum entfeuert sie so grundlos und gewaltsam die volle Macht ihres Atomdrachen auf die zivile Bevölkerung? Warum wirft sie plötzlich jegliche ihrer Prinzipien über Bord?

Sie wird zur Völkermörderin, zur Angst- und Schreckensherrscherin, die sie nie sein wollte. Sie wurde zu dem, was sie immer versuchte zu vermeiden. Eine ausweglose Situation trieb sie dorthin. Die ersehnte Macht über die Königslande schien ihr nach und nach aus den Händen zu fallen. Die Sympathien gingen ihr verloren, an Jon Schnee, ihren Liebhaber. Der ihr mit seinem unbeholfenen Gerechtigkeitssinn unbewusst in den Rücken fällt und zudem auch noch der eigentliche, rechtmäßige Thronerbe ist. Sie sieht die Angst und Schreckensherrschaft als letzten Ausweg. Durch Sympathie und Rechtschaffenheit wird sie den Thron nicht mehr gewinnen können, diesen Ansatz hat ihr jemand anders vorweggenommen.

Wer sich nicht mehr auf die Liebe und Treue seiner Untertanen verlassen kann, wessen Herrschaft gefährdet erscheint, der muss zu radikaleren Methoden greifen, um die Kontrolle beizubehalten: die Aufmüpfigen stummschalten. Sie konnte sich immer auf die bedingungslose Liebe ihrer Untertanen verlassen, die ihre Methoden entweder nicht in Frage stellten oder sie doch noch zur Besinnung zogen. Nun wo die Menschen, die ihr Vorhaben unterstützten kaum noch vorhanden sind, ihre Berater, die sie einst erdeten, verstorben sind oder sie verlassen haben, beginnt sie umzusteigen, auf eine andere Herrschaftsform: von der vom Volk ernannten Anführerin, zur Angst schürenden Alleinherrscherin, zur Despotin.

Sie gab und sie bekam. Für die geschenkte Freiheit erwartete und erhielt sie bedingungslose Treue. Wer sich ihr nicht beugt, wird verbrannt. Sie hatte schon früh damit begonnen die Liebe und Zuneigung ihrer Gefolgschaft ihr gegenüber zu erzwingen. Wurde uns hier also fast schon auf propagandistische Weise das Idealbild einer Herrscherin präsentiert, die sich nur eben zu einem relativ späten Zeitpunkt als machthungrige Despotin entpuppt? Als ZuschauerIn war man stets auf Danys Seite, hat ihre Ansichten und Methoden kaum in Frage gestellt, ähnlich wie all jene ihrer Gefolgsleute. Warum auch, sie handelte zwar oft radikal, doch erschien es meist auch gerechtfertigt. Sie brachte Machtstellungen in Städten und Ländern zum Einsturz und befreite sie vom Sklaventum. Nun ist die Situation eine andere. Sie stürzte erneut eine Regierung, nur scheint die Bevölkerung dieses Mal nicht allzu dankbar darüber. Hier kann sie keine Liebe gewinnen. Sie erweitert ihr Feindbild, um alle Andersdenkende. Um jene die nicht im Inbegriff sind sie als Königin zu akzeptieren, darunter eben auch unschuldiges Fußvolk. Nun kann sie eine neue eigene Gesellschaft von Grund auf errichten, in welcher sie von allem und jedem geliebt wird. Ansonsten: Dracarys. War das von Anfang an die erdachte moralische Botschaft hinter dieser Figur? Hat sie sich schon von Anfang an durch eine Schreckenspolitik definiert? Durch ein Wettrüsten bei dem keiner mithalten kann, drei Drachen mit denen sie die ganze Welt zu erobern versuchte? Oder ist es ein willkürlicher Sinneswandel, den die Drehbuchautoren einfach nicht anders zu vermitteln wussten? Ob Willkür oder nicht. Sie sind allesamt dem Wahnsinn verfallen, die D&D’s. Dany & Drogon sowie D.B. & David, ihr Handeln wirkt willkürlich. Und willkürliches Handeln lässt sich oft auch mit Wahnsinnigem gleichsetzen. Auf willkürliches Drehbuchschreiben folgt willkürliches Drachenfeuer. Hail the Mad Queen.

 

Titelbild: ©HBO

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