Ein Motivationsloch in Red Dead Redemption 2, ein Faszinierendes

Ein Motivationsloch entzieht einem jegliche Antriebskraft, etwas erreichen zu wollen, wie beispielsweise den nächsten Wegpunkt in einem Videospiel. Ein Grabloch kann das Ende jeglicher Antriebskraft ankündigen, kann den Schlussstrich ziehen, die Antriebskraft in den ewigen Stillstand und dem Potenzial der unbegrenzten Möglichkeiten ein Ende setzen. In ein solches zu fallen, während man dabei ist einen von der Kritik gefeierten GOTY-Vertreter zu spielen, wäre also fatal. Da wäre es doch hilfreich, wenn ein solches Spiel einem eine helfende Hand reicht, die einem aus einem solchen Loch ziehen kann. Bei Red Dead Redemption 2 fiel ich mehrmals in Löcher, teilweise sogar wortwörtlich.

 

Ein Spiel der unbegrenzten Möglichkeiten

Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In Red Dead Redemption 2 sollte uns die vermeintliche Revolution des Gamings geboten werden und es ist vermutlich auch ein zurecht in höchsten Tönen gelobter Titel, der letztes Jahr viele Auszeichnungen, Höchstwertungen und Liebesbekundigungen abräumte. Ich erwartete den Release mit großer Vorfreude, spielte es direkt an, war begeistert von der Erzählung, aber auch ermüdet vom Gameplay. Ich legte es mehrmals beiseite, um Zeit einzuräumen für das Nachholen von Titeln wie God of War und Marvel’s Spider-Man, aber auch Neuerscheinungen wie Resident Evil 2 Remake oder Devil May Cry 5 funkten mir dazwischen. Warum brachte ich es zustande diese Titel direkt durchzuspielen, aber nicht RDR2? War es schlicht zu gewaltig, zu zeitaufwendig? Es war schließlich von unbegrenzten Möglichkeiten die Rede. Man kann Rauben, Jagen, Pokern, Angeln, an der Landluft schnuppern, zusehen wie die Industrialisierung ihren Lauf nimmt und die indigenen Völker vertrieben werden, wilde Pflanzen und Beeren pflücken, sie essen und schauen was passiert, das eigene Lager ausbauen, unzählige Haupt- und Nebenquests erfüllen, seinen Hut verlieren und wiederaufsetzen, und dann ist da auch noch dieses ausgeklügelte Beziehungssystem zum offensichtlichen Star des Spiels: zum Pferd.

Doch letztlich läuft es meist nur aufs Reiten und Schießen hinaus und dieses aufs Reiten und Schießen beschränkte Grundspiel ring mir nach kurzer Zeit nur noch Gähner ab. Auch das kann natürlich Spaß machen, aber nicht wenn auf jede getätigte Eingabe eine durchinszenierte Animation folgt, die man abwarten muss. Alleine das Anbinden, Füttern, Führen, Besänftigen, etc. des Pferdes erfordert sehr viel Geduld, doch das überträgt sich auf sämtliche Aspekte des Spiels. Es ist träge und überladen. Es ist vielleicht realitätsnaher, diese Realitätsnähe bietet mir aber absolut keinen spielerischen Mehrwert. All diese Optionen und Möglichkeiten brauche ich nicht. Als Zuseher war ich zwar begeistert, als Spieler jedoch unterfordert. Es werden zwar Eingaben gefordert, diese spielen sich daraufhin aber so gut wie von selbst. Halte X gedrückt, um den Zaun zu reparieren. Halte dies gedrückt, um die Leiche zu plündern. Halte jenes gedrückt, um einen Kaffee zu schlürfen. Es ist kein Spiel, in dem ein Lern- oder Verbesserungsprozess erfolgt. Es gibt kein Looten und Leveln, auch keine spielerische Tiefe, welche es zu ergründen gilt. Man spielt lediglich, um in der Handlung voranzuschreiten und vielleicht war dies das Problem. Außer der Erzählung und der hübschen Grafik hielt mich nichts in dieser Welt. Ich brauchte eine Pause von all diesen vermeintlichen Möglichkeiten, vom Gedrückthalten, musste mich zurückziehen zu simpler gestrickten Titeln mit weniger Möglichkeiten, aber mehr wirklichen Spielaspekten.

Ein Grund zur Rückkehr

Auch wenn die meisten dieser versprochenen Möglichkeiten eben zu banal und trivial zum Selberspielen waren, zumindest für mich, so war es doch immer noch zu spannend, der Geschichte rundum die Van der Linde Gang zu folgen, um einfach aufzuhören. Diese ließ es auch nicht zu, dass ich mich gedanklich vom Spiel lösen konnte. Das Geschehen findet größtenteils 1899 statt. Nicht nur der Jahrhundertwechsel, auch ein Paradigmenwechsel steht bevor. Die Zeit des Wilden Westens neigt sich dem Ende zu, die Entwicklung geht von der Gesetzlosigkeit hin zur Gesetzmäßigkeit. Das Schicksal dieser Bande aus Gesetzlosen und zum Scheitern verurteilten Existenzen ist also schon früh vorauszusehen, vielleicht macht aber auch gerade das den Reiz der Erzählung aus. Es ist die Frage nach dem Wie, die in den Bann zieht. Und diese Frage wird versucht möglichst ausführlich zu beantworten. Wie erlebt diese Bande den Paradigmenwechsel? Bleiben sie sich treu oder schaffen sie es ihr abgelaufenes Wertekonstrukt umzumünzen?

Das Motivationsloch

Eine Erzählung, die es lohnt, sich zu erspielen. Als ich also nach mehrmonatiger Pause wieder ins Spiel eintauchen wollte, wurde ich direkt wieder mit den Hürden des Gameplays konfrontiert. Und ich fiel.

Ich finde mich erst einmal wieder zurecht, öffne die Karte, markiere mir einen Wegpunkt und reite los. Während ich dann also mit völlig frischem Elan durch die dicht bewaldeten Ländereien ritt und mir vorstellte wie schön und spaßig dieses Spiel doch sein kann, wurde mir ohne Skrupel direkt wieder in die Magengrube geboxt. Keine 2 Minuten später finde ich mich mitsamt meinem Pferd in einem ausgehobenem Grabloch wieder. Ich schaffe es hinauszuklettern, mein Pferd bleibt jedoch dort unten festgesteckt.

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Inmitten der Weiten des Nirgendwos. Die Verzweiflung trieb mir ein lauthalses, wahnsinniges Lachen aus. Soll ich nun also zu Fuß weiter? Das Spiel setzte mich konsequent wieder den Anstrengungen seines Gameplays aus. Doch irgendwie war es auch faszinierend. Ein Grabloch, mitten im Nirgendwo. Überhaupt die Existenz dieses Lochs. War es die Ironie des Schicksals? Versuchte das Spiel mich erneut davonzutreiben? So wie es der gezähmte Westen mit seinen Gesetzlosen tat? Alleine deshalb musste ich nun dranbleiben, hartnäckig bleiben. Ich wollte mir doch die Geschichte dieses Spiels ergründen, da konnte mich nun nicht einmal mehr dieses Loch von abhalten. Dieses Loch steht für mich sinnbildlich für das demotivierende Gameplay und gleichzeitig für die Faszination der Erzählung von Red Dead Redemption 2.

Die Anstrengungen des Gameplays überwinden, um die Faszination der Erzählung zu begreifen

Wie oft, habe ich versehentlich unschuldige Tiere oder Zivilisten umgeritten, oder unbedacht den Revolver gezogen und Schlägereien verursacht, auf die ich nie aus war, sodass mir ungewollt Gesetzeshüter und Kopfgeldjäger hinterherjagten, um mir den Spielspaß und jegliche Lebenslust zu entziehen. Doch genau diese Anstrengungen gilt es zu überwinden, um den Kern des Spiels erfassen zu können. Die Geschichte. Und vielleicht stellt sich ja auch heraus, dass das Spiel einem das Leben nur so schwer macht, um ein möglichst authentisches Abbild der damaligen Zeit zu zeichnen. Und vielleicht spielt es sich nur so träge und müde, weil es Protagonist Arthur selbst auch ist. Vom ständigen Zurechtrücken und Aufräumen des Chaos, welches sein Bandenanführer hinterlässt.

Red Dead beschäftigt sich mit einer Gerechtigkeitsfrage, das Wohlstand der einen beruht so immer auf dem Leid von anderen. Die Van der Linde Gang sieht sich als Ritter der sozialen Gerechtigkeit, als Umverteiler des Wohlstands, ziehen aber auch nur allzu oft fragwürdige und radikale Methoden in Anbetracht. Der Fortschrittsgedanke der Kolonialisten erzeugte umfänglichen Wohlstand, vertrieb aber auch die indigenen Völker auf grausame Weise. Ist den Gesetzlosen ihre Gesetzlosigkeit in einem vermeintlich gerechten Staat, der allen die sich ihm nicht unterwerfen wiederum mit Ungerechtigkeit begegnet, wirklich übel zu nehmen? Nun, vermutlich schon. Sie hatten ja eine Wahl, sie hätten sich fügen können, unter dem Deckmantel der Anonymität, oder nicht? Red Dead Redemption 2 schafft die erzählerische Brücke, setzt die unterschiedlichen Perspektiven in Vergleich. Wir erleben einen Paradigmenwechsel. Von Leuten, die in ihrer Zeit stehenblieben und diesen Wechsel nicht für sich akzeptierten. Wir erleben wie manche dieser Gesetzlosen sich für die Sozialisierung entscheiden oder auch dazu gezwungen werden, wie andere wiederum nicht die Hürde ihres Stolzes überwinden können und an einem Wertekodex festhalten, der nicht weiter toleriert wird.

Epilog

Vielleicht lag es also am Story-Sog, welcher mich letztlich doch noch dazu brachte das Spiel fortzusetzen. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass ich dieses Spiel zum Vollpreis bezahlte und es nicht unvollendet und unausgekostet zurücklassen wollte. Also an nichts anderem als am Effizienzgedanken, welcher wiederum auf die menschliche Habsucht zurückzuführen ist, wie so ein räudiger Bandit also. Jetzt bleibt mir nur noch der ausgiebige Epilog des Spiels. Vielleicht lege ich aber auch noch eine Pause ein. Nein, dazu ist die Speichermasse zu gewaltig, ich muss Red Dead endlich loswerden und Platz schaffen, für andere Spiele, andere Gedanken. Weg mit dir, Zeit für einen Paradigmenwechsel. Schön war’s. “Thank you, Arthur.”

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