Pokémon Snap – Das Vermächtnis des Fotografen

Das Spielkonzept Pokemons ist ein seit Jahrzehnten beständiges. Es ändert sich wenig bis gar nichts, denn das Bestehende ist ja auch erfolgreich. Ein verführender Kreislauf des Sammelns, Trainierens und Kämpfens, beschmückt mit einer netten, erkundbaren Spielwelt und eben jenen kleinen Taschenmonstern, um die sich dieser gesamte Kreislauf dreht, welcher seinen Erfindern Erfolg und Reichtum verspricht. Doch ab und zu sonderte die Marke Pokemon trotzdem mal mehr, mal weniger unkonventionelle Spielkonzepte ab. Ob nun reine Beat em Ups, Dungeon Crawler, oder zig Mobile Ableger. Viele interessante Konzepte, die auch heute noch mit präsenten Ablegern vertreten sind und sich wohl auch solide am Markt halten. Ein einstiger Innovator scheint jedoch verschollen zu sein. Jener, der die erfolgreiche Zauberformel der kleinen Monster-Sammler durchbrach und eben nicht in sich aufnahm. Ein Spiel mit einem Protagonisten, welcher nicht auf die Kreislauf-Prophezeiung der Reihe bestand. Ein Kind das ausnahmsweise nicht auf die primitiven Kreisläufe dieses geregelten Lebens bestand, das neue Räume, neue Möglichkeiten für sich ermitteln wollte? Wie sollte das funktionieren, hatte es das überhaupt? Ein Kind das mittlerweile in Vergessenheit geriet, doch sich bei jenen unvergesslich machte, die damals Abenteuer mit ihm teilten. Es gibt sie noch, wenn auch nur selten, die Absonderbaren. Erinnern wir uns, an dieses vergilbte Foto aus der verstaubten Mottenkiste und durch dieses an Pokemon Snap und seinen Protagonisten Todd Snap.

Todd Snap ist ein leidenschaftlicher Pokémon-Fotograf den es in Pokémon Snap auf die sogenannte Pokémon-Insel verschlägt. Dort widmet er seine Kunstfertigkeit den Forschungszwecken des allseits bekannten Professor Eich. Die beiden wollen sich dort einen Einblick in die wilde, undomestizierte Welt dieser Lebewesen verschaffen. Während Professor Eich in seiner zurückgezogenen Forschungsstätte verbleibt, begibt sich Todd Snap mithilfe eines Amphibienfahrzeugs auf Expedition, auf direkte Tuchfühlung mit den verwilderten Exemplaren. Durch dieses, vom Autopilot gesteuerten, Vehikel kann er seine volle Aufmerksamkeit auf die Beobachtung konzentrieren. Seine Route lässt er sich dabei vorher von Eich ausmalen und fährt hierbei stets fest abgelegte Strecken ab. Dies dann auch wiederholt, um womögliche Veränderungen, Übersehenes, oder gar Entwickungen wahrzunehmen. Der Schauplatz der Pokémon-Insel bietet ein reichhaltiges Repertoire an unterschiedlichster Flora und Fauna. Ob Höhlensystem, Vulkangebiet oder tropischer Urwald. Todd nimmt all diese Herausforderungen in Angriff. Doch nicht etwa, um eine malerische Aussicht eines Bergkamms, oder jener genannter Territorien einzufangen, sondern die Wesen die jene bewohnen. Eine Spielwelt, in welcher der Mensch noch keine sichtbaren Spuren hinterlassen hat und feine Beobachtungen über das Verhalten wilder Pokémon in ihrer natürlichen Umgebung angestellt werden können.

Vermutlich sind es also die vielen Fotografien Todd Snaps sowie die dazugehörigen Studien Professor Eichs, durch die wir so viel von der ungezähmten Welt der Pokémon mittels der beliebten Pokédex-Einträge erfahren. Denn anderswo kommt es selten zu solchen Erfahrungen. In der Hauptreihe Pokémons sind die Abläufe klar und schnell strukturiert. Wir sehen, wir fangen, wir trainieren, sie. Snap jedoch beobachtet und lichtet ab, Eich analysiert und teilt die Einblicke in die fremde Welt mittels Pokédex. Sie ergründen die teils so rätselhaften Verhaltensweisen der Pokémon:

„Pixi bewegt sich fort, indem es leicht mit den Flügeln schlägt. Durch seinen federnden Gang kann es sogar über Wasser gehen. Bei Mondschein unternimmt es Spaziergänge auf Seen.“ – Pokédex-Eintrag Nr. 36 Pixi

„Duflor produziert einen ekelerregenden Gestank aus dem Stempel seiner Blume. Wenn es in Gefahr gerät, wird der Gestank noch unerträglicher. Wenn sich dieses Pokémon in Sicherheit befindet, stößt es keinen Gestank aus.“ – Pokédex-Eintrag Nr. 44 Duflor 

Flegmon benutzt seinen Schweif, um Beute zu fangen, indem es ihn an einem Flussufer ins Wasser taucht. Dieses Pokémon vergisst häufig, was es gerade tun wollte, und verbringt ganze Tage damit, am Ufer herumzutrödeln.“ – Pokédex-Eintrag Nr. 79 Flegmon

 

Todd Snap wird zu einem Diplomaten zwischen Menschen und Pokémon. Er beobachtet, fotografiert, dokumentiert, lernt sich den Gegebenheiten anzupassen und wird ein unscheinbarer Teil derer Umgebung. Seine Erkenntnisse und Dokumentation reicht er an die Forschungsabteilung von Prof. Eich weiter und sorgt so für ein verbessertes Verständnis über die Pokémon-Welt. Als Diplomat sieht er seine Funktion lediglich im Erschaffen von gegenseitigem Verständnis. Er ist kein Trainer oder Sammler, den Ausbruch eines Konflikts gilt es für ihn zu vermeiden. Stattdessen schafft er die Bedingungen für ein friedliches Koexistieren. Doch wurde er dies gewollt? Waren seine Absichten so rein, wie der Nutzen, den sie mit sich brachten?

Mittlerweile gilt Todd Snap als verschollen. Müssen wir uns Sorgen machen? Vielleicht verweilt er noch immer auf der Pokémon-Insel, ist ein Teil dieser geworden und lebt als zurückgezogener Eremit in freiwilligem Exil unter denen, die er einst ablichtete. Vielleicht wälzt er sich auch in seinem angehäuften Reichtum, den er durch seine Teilhabe an den Einnahmen sämtlicher Pokédex-Verkäufe erhielt.

Auf seinen Expeditionen ließ er sich von einer abstrakten Gier nach Entdeckung treiben. Eine Suche nach etwas, dass seinen unnachgiebigen Hunger stillen kann. Vielleicht war er auch nur ein von Sensationsgeilheit ergriffener Paparazzo, der letztlich von unserer Schaulustigkeit nach süßen oder aufregenden Fotos zu unmoralischen Dilemmas getrieben wurde. Ein Paparazzo der für seine begehrten Fotos die friedliche Welt der Pokémon in ein ungeregeltes Chaos zu stürzen bereit war. So hatte er doch durch sein Einwirken auch so einige natürliche Kreisläufe unterbrochen oder beschleunigt, forcierte frühzeitige Entwicklungen und trieb Pokémon dazu sich gegenseitig zu zerfleischen, um möglichst profitable Fotos zu erhalten. Denn für den perfekten Schnappschuss zeigte er die Bereitschaft aufs Äußerste zu gehen. Hatte er womöglich zu viel gewollt, nach den Sternen gegriffen, einen Blick ins Verbotene gewagt? Wo ist Todd Snap? Wie dem auch sei, sein Vermächtnis bleibt uns auch heute noch erhalten: Im Pokédex.

„Ninjatoms harter Körper bewegt sich überhaupt nicht. Er scheint bloß eine hohle Schale zu sein. Dieses Pokémon soll angeblich die Seele eines jeden stehlen, der hinterrücks einen Blick in seinen hohlen Körper riskiert“. – Pokédex-Eintrag Nr. 292 Ninjatom

Ein weiterer Ausflug, eine Fortsetzung könnte uns auch die neuartigeren Wesen näherbringen, sowie unsere Sorgen um Todd Snap beruhigen. Doch das zählt jetzt alles nicht mehr. Was in Pokémon Snap zählte war lediglich der Highscore, der perfekte Score.

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