Animal Crossing und die Verdrängung des Cholerischen

Ich bin abhängig, von diesen bunten kleinen Dingern, Biestern. Sie sind alles was ich brauche. Sie heitern mich auf, umarmen mich, befördern mich in einen anderen Geisteszustand. Plötzlich befinde ich mich auf dieser Insel, auf der ich gefühlt tun und lassen kann, was ich will. Und überall bunte kleine Dinger. Diese neueste Version einer bereits stark etablierten Designerdroge nennt sich Animal Crossing: New Horizons, oder kurz ACNH. Nach Einnahme wird einem warm, man strotzt nur so vor Tatendrang und Energie, doch alles was man wirklich tut ist dort auf dem verkeimenden Sofa lungern und verwahrlosen. Es lenkt ab von der Hektik der Wirklichkeit, versetzt auf eine Insel der Glückseligkeit und Entschleunigung, vermeintlich. Allerdings wird das eigene Handeln hier stets gebraucht und zeigt auch stets prägende Auswirkungen, es wird dazu verleitet einen endlosen Strudel aus vermeintlich sinnstiftenden Tätigkeiten zu betreten. Aber nein, das Hektische existiert dort nicht. Oder? Nein, es ist alles so knuffig. Die Animationen, Gestiken, Gesänge und Dialoge lösen innere Blumenpflückereien aus und der Repräsentation der eigenen Kreativität durch die Insel wird kaum eine Grenze gesetzt. Hier steht nichts, absolut gar nichts, mit dem Begriff der Hektik in Verbindung! Eine Form der Hektik, oder gar etwas Cholerisches, existiert hier nicht. Nicht?

Animal Crossing: New Horizons ist befreit von jeglicher cholerischer Emotion. Es ruft auch bei Spielenden – zumindest in den meisten Fällen – keine Wut oder Jähzorn hervor, wie es kompetitive oder schwer zu erlernbare Spiele tun. Existiert in dieser prächtig entspannten Schönheit eines Spiels wirklich nicht irgendwo doch etwas Cholerisches? Vielleicht nur etwas versteckter, hinter den Zeilen? Oder gar so offensichtlich, dass wir es nicht bemerken und lediglich die Begegnung damit meiden? Als unauffällige und kaum zu gebrauchene Applikation auf dem Nook-Phone vielleicht? Als App für den Notrettungs-Dienst, die man aufruft sobald man sich beim Gestalten der Insel so sehr verkeilt, dass es keinen anderen Ausweg mehr gibt als die Rettung durch einen Not-Hubschrauber im Maulwurfs-Design? Doch wann wird dieser schon je benötigt? Dieses Cholerische vermag nur einen Druck auf ein Symbol entfernt. Was verbirgt sich dahinter? Wozu? Bislang bin ich noch in keine Situation geraten, wo es nötig gewesen wäre. Also warten wir noch ein bisschen. Ich brauche es ja derzeit nicht, dieses Cholerische, warum sollte ich es erzwingen? 

Einst, vor gut über einem Jahrzehnt hatte Animal Crossing mich noch in Ehrfurcht gelehrt. Im Nintendo DS-Ableger Animal Crossing: Wild World, wo Spielende noch selbst für das Speichern ihres Spielstands verantwortlich waren. Wurde dies mal weniger rücksichtsvoll missachtet oder einfach nur vergessen, passierte etwas Unerwartetes, gar Unheilvolles: Ein hysterischer Redeschwall aus Wut und Enttäuschung, Zurechtweisung und Beschimpfung, brach über Spielende herein. Und für alle, die jemals Zeuge dieser rhetorischen Eruptionen wurden, hat sich ihr Sprecher in die Unvergesslichkeit gewütet: Signor Resetti, der cholerische Maulwurf.

Dieser Maulwurf war damals, in diesem friedvollen Kinderspiel, für die Gesamtheit einer heranwachsenden Generation, die Manifestation allen Übels. Gefürchtet und gemieden. Denn ein Herbeischwören des cholerischen Maulwurfs brachte Unheil für das fragile Kindsgemüt mit sich. Sein Erscheinen kündigte sich stets mit einem mulmigen unsicheren Wiedereinschalten des Nintendo Systems an, wenn mal wieder nicht die überzeugte Sicherheit bestand, beim letzten mal Spielen auch regelkonform, nämlich speichernd, das Spiel verlassen zu haben. Gedankenloses Ausschalten wurde zu einer nicht weiter zu erduldenden Fahrlässigkeit. Die Angst spielte mit. In anderen Spielen konnten Fehler rückgängig gemacht werden, durch Ausschalten oder Neuladen. Doch wagten Spielende in Animal Crossing, in diesem Land der Friedfertigkeit, zu dieser Form der Schummelei zu greifen, ob nun bewusst oder unbewusst, sollte eben diese grausame Erkenntnis folgen: Aus den Untiefen eures mit Unkraut bedeckten Vorgartens würde diese euch erblassene Überraschung herausstürmen und euch einen Einlauf verpassen. Ja, was fällt euch auch ein, zur Verwendung solch moralischer Verwerflichkeiten zu greifen? Vergesst nicht zu speichern!

Dann kam die Wende. Die Einführung des automatischen Speicherns. Die Digitale Revolution führte zur Marginalisierung einiger für selbstverständlich erachtete Berufsgruppen. In unserer Wahrnehmung waren sie immer da und werden es auch in Zukunft immer sein. Doch unsere Wahrnehmung trübt uns. Sie ist verräterisch, sie vergisst. Sie vergisst alte Speicherstände, die nicht so wichtig scheinen. Was könnte vergessen worden sein? Was könnte in Verdrängung geraten sein? Was wird gerne verdrängt? Das Cholerische? Der ohrenbetäubende Lärm, die Stressmacher? Die unter anderem überhaupt erst der Grund sind, warum wir uns der Ablenkung, der Ruhe explizit dieses Spiels hingeben? Was wenn in diesem Spiel selbst das Cholerische vertreten ist, vertreten war, und es selbst von dort verdrängt wurde?

Die Rolle von Resetti wandelte sich nämlich stark im Laufe der Zeit. Sein Aufgabenbereich hat sich verschoben, seine ursprüngliche Tätigkeit hat ihre Notwendigkeit verloren und nun ist er dazu verdammt im Hintergrund zu versauern. Zu Gesicht bekommen ihn Spielende im neuesten Ableger schon gar nicht mehr. Lediglich ein paar Textboxen und ein schmaler Schein von der Persönlichkeit, die er einst noch abbildete. Von Resetti ist mittlerweile also nicht mehr viel übrig. Doch ist wirklich ausschließlich die digitale Revolution schuld an dieser personellen Verdrängung? Oder doch eher gesellschaftliche Normen und Erwartungen, die ihn verdrängten?

Ein Video von AdamzoneTopmarks veranschaulicht die Rolle des cholerischen Maulwurfs im zeitlichen Wandel

 

War auf dieser Insel des Rückzugs schlicht kein Platz mehr für ihn, wurde er aussortiert aufgrund seiner Charakterzüge? Es gibt schließlich Spekulationen darüber, dass seine Wutanfälle und Zurechtweisungen Kinder zum Weinen brachten. So hat sich mittlerweile auch sein Tonfall verändert, vorher besaß er noch eine belehrende, „pädagogische“ Funktion, nun steht er ausschließlich im Dienste seiner Anrufer. Wovon die meisten auch noch nicht einmal einen triftigen Grund für ihren Anruf besitzen. Denn er arbeitet nun für den Notrettungsdienst, doch in eine ernsthaft missliche Lage geraten Spielende auf ihrer Insel wohl nur zu selten. Bei all den Streichanrufen wird Resetti nun also noch dazu gezwungen die Ruhe zu bewahren, denn es herrschen strikte Auflagen und Verhaltensregeln für ihn. Es ist wirklich schwer, es nicht zu sehen: Sein Zusammenreißen, die Umschreibungen. Das Cholerische schimmert noch durch, im Verborgenen. Es will heraus und Spielende zurechtweisen, für die vielen Untaten, die sie nun ungehindert und ohne jegliche Restriktion ausleben. Es hätte doch sicherlich präsentere Möglichkeiten, alternative Berufswege für ihn geben können. Warum also solch unbeachtete Verdrängung. Wir leben dort in aller Glück in Zwietracht, während die Verdrängten in Vergessenheit geraten. Der Freiheitsdrang ist einfach zu stark. Wir wollen anscheinend tun und lassen was wir wollen, ohne von irgendjemandem dafür verurteilt zu werden. Doch wie weit darf dieser Wille nach Freiheit gehen, bis die Rechte anderer missachtet werden? Sollte das Freiheitsprinzip nicht solidarischer gestaltet werden? Brauchen wir die Aufstände, die Wut und die Zurechtweisungen, die sich gegen Fehlverhalten richten nicht etwa doch, um eben die Freiheit möglichst aller Lebewesen zu gewährleisten bzw. zu verteidigen. War Resetti nicht einfach nur ein Verteidiger der Grundrechte eines Jeden? Wo ist er jetzt? Wir verdrängten ihn, um uns in Ruhe in der Bequemlichkeit unserer Inseln zu suhlen. Resetti mag fort sein, doch der cholerische Ballast bleibt. Wir verpacken ihn in Mülltüten, verstecken ihn, verdrängen ihn, doch dieser Müllberg wächst im Hintergrund haltlos weiter. Das eigene Cholerische gerät in Verdrängung, in den Hinter- Untergrund, so wie es der cholerische Maulwurf nun tut, Resetti.

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