Arcane – Die Manifestation der Lore von League of Legends

League of Legends, eigentlich ein Spiel, welches den Fokus lediglich auf seinen kompetitiven Mehrspielermodus legt – in dem Spielende die letzten kläglichen Reste ihres Verstandes verlieren, auf ihre animalischen Urinstinkte zurückfallen und beginnen sich völlig irrational gegenseitig anzugrunzen und zu pöbeln. Betrachtet man das Spiel an sich ist eigentlich nicht einmal vom Ansatz eines Versuches, eine nachvollziehbare Geschichte mit Spielwelt erzählen zu wollen, etwas erkennbar. Die Spielwelt ist ein immergleiches Spielfeld und die Geschichte ist der sich immer wiederholende Kampf zweier Parteien. Das Spiel dient ausschließlich als kompetitiver Spielraum mit komplexem Regelwerk, in welchem zwei Parteien ihre Konflikte austragen oder sich einfach nur messen können. Die spielmechanische Dimension bietet keinen Raum für eine große weltübergreifende Erzählung. Verlässt man die spielmechanische Dimension jedoch, lassen sich die Konturen einer groß angelegen Weltenkonstruktion entdecken. Außerhalb des Spiels lässt sich mittels Lore-Einträgen oder Videos mehr über die Hintergrundgeschichten der einzelnen Spielfiguren in Erfahrung bringen. Die Autor:innen haben, während die Entwickler:innen nun seit über einem Jahrzehnt das Spiel ausgearbeitet und erweitert haben, nebenher beharrlich weiter an der Lore des Spiels geschrieben, nicht nur an Hintergrundgeschichten für die einzelnen Figuren, sondern auch an einer umfassenden Welt mit eigenen sozioökonomischen Zusammenhängen und Gesetzen, Fraktionen, Nationen und Territorien. Im Laufe der Zeit haben sie stetig an ihrem World Building gearbeitet. Und nun ist der Moment gekommen an dem sie sich auch audiovisuell an diesem riesigen über lange Zeit aufgebauten Konstrukt bedienen. Zwar konnte Riot Games schon in Vergangenheit mit cineastischen Trailern, Teasern und Musikvideos zu ihrem Spiel und dessen Figuren überzeugen, doch von der Umsetzung eines eigenen Cinematic Universe, im Ausmaß von Filmen und Serien, konnte lediglich geträumt werden. In Arcane manifestiert sich nun dieses über langen Zeitraum hinweg aufgebaute Gedankenkonstrukt.

Schon zuvor streute uns Riot flüchtige Eindrücke zu den möglichen Hintergrundgeschichten und Persönlichkeiten der Spielfiguren zu, mittels Login-Screens und Musikvideos.

Der Serienname verrät bereits, dass es ums Arkane geht, um Magie. Wir erleben das arkane Erwachen, als eine Art technologische Revolution, welche jedoch auch die Konflikte der technokratischen Stadt Piltover, befeuert. Eine zweigeteilte Stadt, eine Ober- und Unterstadt, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, ein Arm und Reich, welches sich immer stärker voneinander distanziert. Die Positionen verhärten sich. Bei den unterhalb Lebenden manifestiert sich der Wunsch einen eigenen Stadtstaat namens Zaun zu gründen, um sich abzugrenzen und an Autonomie zu gewinnen, während sich in der Oberstadt die Kenntnisse über das Arkane stetig weiter manifestieren und die dortigen Technokrat:innen sich ebenfalls immer weiter von den Sorgen und Bedürfnissen der Unterstadt distanzieren, indem sie blind dem Ausbau ihres eigenen Wohlstands und dem Verlangen nach Fortschritt erliegen.

Dieser Klassenkonflikt lässt sich auch auf die Charakterebene der Serie übertragen. Anhand zweier Hauptfiguren – der Schwestern Vi und Jinx – werden Zuschauende auf emotionaler Basis zerrissen, parallel zur weltlichen Distanzierung findet auch eine Distanzierung zwischen den Figuren statt. Auf der einen Seite Vi, die man aus der Spiel-Lore als schroffe Vollsteckerin kennt, als verlängerten Arm der Justiz, welcher dann aber doch meist eigenhändig agierend, der Korruption und Kriminalität wortwörtlich mit eiserner Faust begegnet. Und auf der anderen Seite Jinx, die als chaosstiftendes und unberechenbares Explosionsfass, für Kurzschlüsse und Entzündungen in der ordnungsbesessenen und technokratischen Oberstadt sorgt, sowie die ohnehin schon leicht entflammbare Unterstadt in ein Meer aus Zündstoffen tränkt. Die Serie manifestiert diese Positionen zwar, doch fügt ihnen auch frische und erweiternde Perspektiven hinzu. Bereits zu Beginn ist die Serie konfliktgeladen, zunächst erleben wir die Schwestern noch zusammen, müssen uns aber schon bald auf die zerreißende Trennung gefasst machen. Schon im Intro können die unterschiedlichen Positionierungen der Schwestern ausfindig gemacht werden. So muss es im Folgenden wohl um die Wiedervereinigung zwischen Vi und Jinx gehen, zwischen Piltover und Zaun, zwischen Oben und Unten. Auch geht es um Veränderung. So sind die Konflikte aus einem Verbleib und einer Verstärkung der derzeitigen Zustände überhaupt erst entstanden. Arcane ist die Manifestation dieser Konflikte. Ob es zu einer Lösung dieser kommen wird, zu Veränderungen, werden wir noch sehen.

Geht es letztlich wirklich um die Wiedervereinigung dieser zersplitterten Positionen? Ein Vorhaben, welches die Grenzen des Unmöglichen zu sprengen versucht? Wer weiß, vielleicht nutzt Jinx ihre Vorliebe für das Explosive dafür. Bewältigung des Konflikts durch Konfrontation? Nur durch Teilhabe am System, lässt sich die kaputte Situation auch auflösen? Wahrscheinlicher ist es wohl, dass sich die voneinander distanzierten Positionen verhärten und ein zweiter Stadtstaat entsteht, welcher die Träume eines eigenen Systementwurfs durchzusetzen versucht. Wahrscheinlich wird es also auch weiterhin Kämpfe zwischen diesen beiden Klassen geben und der Kreislauf der Gewalt wird fortgeführt. Position einnehmen und kämpfen. So schließt sich der Kreis auch wieder zum Ursprung, zum Spiel. Bei welchem es auch ausschließlich, um das Austragen einer riesigen Konfliktkulisse zwischen Spielenden geht, auf innerer sowie äußerer Ebene. Emotional zu Grunde gehend, erwartet das Spielfeld weiterhin Standhaftigkeit. Es geht um die sich entwickelnden Abneigungen gegenüber Mitspielenden, die Wut, den Hass, den Zwiespalt. Bis all das Geschehen einen in den Wahnsinn treibt. Nur was tun wenn Jeder und Jede auf diesem Spielfeld bereits dem Wahnsinn verfallen sind. Schon versucht dem Wahnsinn mit Vernunft zu begegnen? Gleich knallt es wieder. Vielleicht sollte es das auch. Manchmal braucht es Explosionen, um die Vernünftigen aus ihrem Tiefschlaf der Handlungsunfähigkeit zu wecken.

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