Vampire Survivors

Es herrscht ein Glaubenskrieg. Die Fronten sind verhärtet und klar verteilt. Auf der einen Seite: Wir, die durch und durch gutartigen Glaubensritter, die Survivors. In einer vom Unglauben befallenen Welt, ziehen wir für unsere Agenda in einen Krieg gegen alles Andersartige, Andersgläubige, welches sich in unseren Augen als ein Konglumerat aus Monströsem vermischt. In unserer durch fundamentalistischem Glauben verzerrten Sicht erscheint uns all das fremdartige Leben dieser Spielwelt als Monströses. Von moralischer Überlegenheit übernommen bestimmen wir dieses Andersartige, als die andere Seite: die durch und durch bösartigen Ungläubigen, die Vampire.

Nun betreten wir diese Spielwelt mit zunächst karger Ausrüstung und lediglich einer Startwaffe. Durch das gnadenlose Erlegen hilfloser Seelen errauben wir uns erste neue Hilfsgegenstände und bauen unseren Machtstatus zunehmend aus. Die Waffenführung erfolgt von selbst, wir müssen uns lediglich bewegen. Eine Knoblauchaura schützt uns auf nächste Distanz, ein Dutzend Bibeln rotieren um uns herum und weisen so die Ungläubigen zurück. Wir drücken ihnen wortwörtlich unseren Glauben ins Gesicht. Bewaffnet mit diesen und noch vielen weiteren erstaunlichen Methoden der religiösen Kriegsführung schreiten wir voran in dieser gottlosen Einöde. Innerhalb von 30 Minuten sollen wir die Häretik beseitigen und alles Andersartige besiegt haben, dann gilt ein Spieldurchlauf, unser Kreuzzug, als gewonnen. Scheitern wir vorher dürfen wir wenigstens unser bis hierhin erbeutetes Gold behalten und in permanente Powerups investieren. Es ist ein in sämtlichen Aspekten reduziertes Videospiel. Reduziert auf die Erfüllung der niedersten menschlichen Triebe. Ein Gameplay welches sich aufs Bewegen reduziert und das Entscheiden darüber, welche Powerups das Spiel für einen bestreiten. Eine grafische Darstellung, reduziert auf ein geradezu schemenhaftes Wahrnehmen von dem was da auf dem Bildschirm eigentlich geschieht, so dass wir uns einfacher der Mutmaßung hingeben können, um diesen uns entgegenkommenden Pixelbrei handele es sich um bösartige Kreaturen. Es ist eine verrohte Befriedigung der Sinne, die dadurch stattfindet, dass wir den Bildschirm von sämtlichen ihn belagernden Unreinheiten befreien. Wie beim Abziehen einer Schutzfolie oder dem Ausdrücken eines Pickels, bringt es eine kurzfristige Befriedigung mit sich, doch vielleicht sollten wir diese Handlungen noch einmal überdenken. Vielleicht sollten wir noch einmal überdenken, ob nicht wir selbst längst die Position der Bösartigen eingenommen haben. Wozu wir bereit sind und welche Schritte wir bereits gegangen sind. Die Schmeichelung der stetig zunehmenden Kraft hat uns übermannt, dieser sinnliche Zerstörungszwang hat uns zu Sklaven unserer eigenen Barbarei gemacht. Vielleicht ist es gerade diese Reduzierung auf allen Ebenen, zu Zeiten in denen Videospiele zumeist mit einer Überladung an Mechaniken und Komplexität zu überzeugen versuchen, was Vampire Survivors zu so einem Erfolg macht – eine reduziertere, aber intensiviertere Spielerfahrung, weil es eine absolute Machtfantasie erfahrbar macht.

Durch unsere Selbstinszenierung als Gottgesandte können wir jede unserer noch so unmenschlichsten Handlungen rechtfertigen. Tod und Verderben bringen wir über die hiesig lebenden Kulturen. Vampire Survivors lässt sich dem Roguelike Genre zuordnen, doch nicht nur auf spielmechanischer Ebene. Als Roguelike, oder schurkenhaft, können auch unsere Handlungen an sich bezeichnet werden. Das skrupellose Morden und Looten, für die eigene Gewinnbringung. Was sich nicht bekehren lässt muss dran glauben. Unser Urteil ist schon längst gefällt. Der reine Anblick dieser monströsen Kreaturen lässt uns in Unglaube erstarren. Vernichten wollen wir sie. Schließlich geht es hier um unser Überleben, ums Überleben der Gerechtigkeit und unseres Glaubens, nicht wahr? Also lassen wir unsere Bibeln um sie kreisen, überschwemmen sie in heiligem Wasser und verbrennen sie in läuternden Flammen. Es ist Wahnsinn. Wahnsinn der uns umgibt, Wahnsinn dem wir uns hingeben. Die Ausübung unserer absoluten Machtfantasie. Der Glaube wird immer größer, verbreitet sich immer weiter und wir werden immer mächtiger. Alles um uns herum löst sich in Flammen auf. Wir läutern diese Böden von den Unreinheiten, welche diese Kreaturen darstellen. Zumindest glauben wir das. Doch nach einiger Zeit werden wir prompt aus dieser Fantasie gerissen. Haben wir lange genug diesen Überlebenskampf bestritten und bereits unzählige zehntausende Seelen auf dem Gewissen, wird unser Tun von einer äußeren Instanz, außerhalb unseres Machtbereiches, beendet. Wir werden aus dem Spiel genommen, von einer kapuzenbedeckten Kreatur mit Sense. Der Tod höchstpersönlich unterbricht unseren göttlichen Auftrag. Noch während wir gerade dabei waren in wahnsinniges Gelächter zu verfallen, überzeugt von unserer eigenen Unbezwingbarkeit und Rechtschaffenheit, kommt der Tod daher und schließt dieses Kapitel eines fürchterlichen persönlichen Kreuzzuges, den wir hier anführten, für uns ab. Glücklicherweise verliert sich das Spiel nicht in endloser Barbarei und übernimmt an einem Zeitpunkt, zu welchem den meisten die Macht und der Wahnsinn bereits zu Kopf gestiegen ist. Es ist ein plötzlich auftretender Zeitpunkt, an dem wir auf einmal jegliche Handlungmacht verlieren und unsere gesamte Machtfantasie zusammenbricht. Wir werden wieder auf den Boden geholt und zur Reflexion gezwungen. Wer war hier eigentlich das wahre Monster?

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