Prey – Die Selbstermächtigung der Beute

Prey ist der neueste Ableger der Predator-Filmreihe, nur trägt der Film nun nicht mehr den Titel des Jägers, sondern der Beute. Zumeist ging es in diesen Filmen um genau dieses Konzept, dem Verhältnis zwischen Jäger und Beute. Die vermeintliche Beute muss den waffentechnisch und auch physisch komplett überlegenen Fremdkörper aus dem All, den Predator, überkommen und besiegen. Die Intentionen des Predators erscheinen zunächst unklar, doch sie scheint sich in den meisten Filmen als das reine Jagdbedürfnis herauszustellen, sich zu beweisen der stärkste Jäger zu sein, der Apex Predator. Sich als Eindringling, als außerirdische Ein-Kreaturen-Invasion über das hiesige Leben hinwegsetzen und es verdrängen. In Prey wird dieses Predator-Filmkonzept nun noch zusätzlich mit historischen Konnotationen untermauert. Denn wir begleiten in dem Film Naru, eine Angehörige eines Comanche-Stammes, welche sich als Jägerin behaupten will, während im Hintergrund die Kolonialisierung Amerikas sowie eine Alieninvasion stattfinden. Hier wird Naru gleich mit mehreren Instanzen der Entmächtigung konfrontiert.

Ihrem Stamm missfällt Narus Vorhaben sich als Jägerin zu beweisen, doch sie zieht dennoch los und nimmt erste Spuren des Predators wahr. Bei der Jagd eines Pumas fällt sie zunächst von einem Baum und wird bewusstlos während jener Puma direkt vor ihr steht – als Zuschauende erhalten wir daraufhin eine Schwarzblende. Anschließend sehen wir, dass sie wohl geborgen wurde – von ihrem Bruder. Bei ihrem Stamm leidet ihre Kredibilität als zuverlässige Jägerin nun, doch sie trotzt der Schmähung und zieht erneut los. Wie sollte sie auch anders, mit dem Wissen, dass da draußen etwas sein Unheil treibt und ihre sowie die Existenz ihrer Angehörigen bedroht, lässt sich kein beruhigtes Leben führen. Auf ihrer Suche lässt sie sich zunächst unbedacht von einem Moor verschlingen, versteht sich aber daraus zu befreien. Als der Predator selbst seine Jagd auf der Erde beginnt, um sich als wahrhaftigster und großartigster Jäger zu beweisen, nimmt er sich sukzessive stärkere Beute. Zunächst ist es eine Schlange, ein Wolf, ein Bär und dann läuft er Naru und einigen weiteren Comanchen über den Weg, welche er auch alle erlegt, bis auf Naru, welche bei der Flucht vor dem Predator in eine Bärenfalle tritt. Der Predator lässt sie zurück. Was ging in den Köpfen der Jäger vor – des Pumas und des Predators? Erkannten sie sie nicht mehr als würdige Beute an?! Eine weitere Instanz der Entmächtigung, die Entwürdigung?

Französische Kolonialisten nehmen in Beschlag was sie mit Auslegung der Bärenfalle nun in ihrem Besitz sehen und stecken Naru in einen Käfig. Vom Predator haben auch diese schon Wind bekommen und wollen Naru nun nutzen, um diesen zu locken und binden sie an einen Pfahl. Aus der Schlinge eines Moores, in eine Bärenfalle, dann in einen Käfig und nun gebunden an einen Pfahl – fällt Naru von einer Entmächtigungsinstanz in die nächste. Doch der Predator lässt sich nicht so leicht beirren und nimmt sich die Franzosen nacheinander zur Brust. Während all dem, im Angesicht der Machtlosigkeit, erzählt Naru ihrem Bruder – welcher ebenfalls gefangen genommen und mit ihr an den Pfahl angebunden ist – wie sie einst einen hilflos zwischen Steinen eingeklemmten Biber sah, der sich sein eigenes Bein abbaß, um sich aus seiner ausweglosen Situation zu befreien. Nicht ganz so radikal wie der Biber ermächtigt sich Naru dann und befreit sich und ihren Bruder. Hier nimmt der Film dann seinen Wendepunkt und Naru eignet sich ihre Handlungsfähigkeit sukzessive wieder an. Sie hat den Predator nun viel beobachten können, hat ihn studiert, verstanden wie er funktioniert und kann sich nun selbst dazu ermächtigen die Rolle der Jägerin einzunehmen. Sie überwindet die Übermacht des grenzenüberschreitenden Invasoren und breitet ihre eigene Handlungsmacht wieder aus. „Bis hierher und nicht weiter“ sind dann auch Narus letzte Worte gegenüber dem Eindringling, welcher sich daraufhin mit einer weiteren Überschreitung, einem letzten Schritt zu viel, selbst eliminiert – mittels Narus ausgeklügeltem Fallenkonstrukt.

Nun könnte und wird man dem Film vermutlich zu Recht vorhalten so einige Schwächen zu besitzen. Doch könnten diese nicht auch überhaupt erst die Essenz dieses Films bilden? Immerhin geht es hier um die Selbstermächtigung der „Schwachen“, wenn Naru sich aus den wildesten Situationen herauswindet. Wenn die Schwarzblende einsetzt, um Abhilfe zu leisten? Entsteht nicht ein Verlust an Glaubwürdigkeit, wenn der Puma der kurz vor Narus Bewusslosigkeit noch vor ihr stand, sich plötzlich mit der Schwarzblende im Nichts auflöst genauso wie der Predator, als Naru – die Beute – ihm wehrlos in einer Falle ausgeliefert ist? Untergräbt dies nun die filmische Tonalität oder unterstreicht es sie viel eher? Vielleicht sollte gerade dies dargestellt werden, die Diskrepanz zwischen der anfänglichen Unterlegenheit der Beute und der anschließenden Selbstermächtigung. Doch wie kann diese Ermächtigung dargestellt werden? Als Kolonialmacht ist man geübt darin Grenzen zu überschreiten, zu erobern, sich Macht anzueignen und andere zu verdrängen. Welche Werkzeuge bleiben einem da auf der anderen Seite noch zur Gegenwehr. Vielleicht ist es tatsächlich die Radikalität einer Schwarzblende, die Radikalität sich das eigene Bein abzubeißen, die als letzter Ausweg zur Selbstermächtigung erscheint. Um einen gewissen Grad an Autonomie wiederherzustellen und Handlungsmöglichkeiten zurückzuerlangen. So war es von den Filmemacher:innen sicherlich gemeint! Nein, vermutlich war es einfach die Kulmination aller Rückschläge die Naru während ihrer Heldinnenreise erfahren hat, die Erfahrungen und Schlüsse die sie darauszog, welche sie letztlich dazu befähigten den Predator zu überwinden, schon klar. Aber das würde die Schwarzblende nicht erklären! Hey, ein Sidekick-Hund spielt in Prey auch mit und dieser wird ausnahmsweise nicht als rein emotionales Kanonenfutter verschossen! Ein weiteres Selbstermächtigungsindiz?! Ok, I’m out.

Bilder: ©20th Century Studios

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