Das außergewöhnlich Gewöhnliche an Pokémon Karmesin & Purpur

Seit Jahrzehnten schon, flüchten sich, die von der Routine des Alltags erschöpften Massen, in die knutschbunte und fröhliche Welt der Pokémon. Dort wird man umgarnt und kann sich unbekümmert in die Flauschigkeit des Seins fallen lassen. Hier wird jedes Individuum mit Wärme empfangen und gilt direkt und ausnahmslos als etwas Besonderes. Als Spielende erhalten wir in diesen Spielwelten das Gefühl alles schaffen zu können, alles meistern zu können. Es ist eine konsequenzfreie und Wunschtraum erfüllende Welt. Und nicht nur als Spielende empfangen wir diesen verheerenden Eindruck einer Welt, in der ein jeder und eine jede Pokémon-Meister wird. Auch die Charaktere dieser Spiele sind stets vom Hyperindividualismus geprägt und predigen die Auslebung des hedonistischen Willens. Doch ist diese Welt wirklich so frei von jeglichen Konsequenzen und Problemen wie sie es behauptet? Was mag die grenzenlose Freiheit an Konsequenzen bergen? Framedrops und Bugs? Und inwiefern lässt sich der Blick von diesen möglichen Konsequenzen abwenden?

In den neuesten Pokémon Editionen Karmesin und Purpur hat sich das Entwickler:innen-Team von Game Freak Besonderheiten und Abweichungen vom gewohnten Pfad ausgedacht, um der üblichen Routine der Spielereihe aus dem Weg zu gehen. So gibt es nun die offene Spielwelt, wie sie sie im Spin-Off Pokémon Arceus bereits als Stichprobe präsentiert hatten. Außerdem fügten sie dem gewohnten Pfad hin zum Pokémon-Champ weitere Spielziele hinzu. Beispielsweise muss man nun, neben dem Ziel der oder die Allerbeste zu werden, sogenannte Herrscher-Pokémon bezwingen und Aufenthaltsorte des Team Star aufsuchen und den dortigen „Rüpeln“ entgegnen. Die neuen Editionen werben mit ihren neuen spielerischen Freiheiten, geben uns endlich Dinge, die in anderen Spielen schon längst Gewohnheitsbrei sind: offene Welt und alternative Spielziele. Es kostet vermutlich große Überwindung von einer gewohnten Routine, welche großartig funktionierte, abzuweichen. Doch diese funktionierende Routine wurde mit der Zeit eben zum Verhängnis. Das Spielprinzip wurde ausgereizt sowie der Wunsch nach mehr spielerischen Freiheiten und grafischem Fortschritt wuchsen. Also wurden nun endlich einige Schritte ins für Game Freak Unbekannte gewagt. Doch mit diesen ersten Schritten in Richtung mehr spielerischer Freiheiten kamen auch mehr technische Hürden, wie wir feststellen dürfen. Das Spiel ist übersät mit Bugs und Framedrops sowie gelegentlichen Abstürzen. Allerdings nehmen wir dies in Kauf. Wir ertragen ihn, den Preis der Freiheit. Weil es uns als wert und richtig erscheint, oder weil wir müssen?

Rückzugsort des Normal-Arenaleiters, das Restaurant „Die Schatzstube“ in Mesclarra

Arenaleiter:innen müssen in der Pokémon-Welt stetigen Bereitschaftsdienst leisten. Sie sind auf Abruf bereit, um sich ihren Herausforder:innen gegenüberzustellen. Und stets begegnen sie uns mit Euphorie und Kampfesgeist. Doch auch hier hinterlässt die Routine, das Gewöhnliche, seine Spuren. Auch in der Pokemon Welt selbst flüchten sich die erschöpften Leute in bequeme Auffangstationen, wie z.B. in die Schatzstube in Mesclarra. Wir betreten diese Stadt mit der Intention den Normal-Arenaleiter herauszufordern. Um dies zu tun, müssen wir diesen jedoch erst finden und seine Arenaprüfung bestehen. Die Prüfung ist das Lieblingsrezept des Arenaleiters bei seinem Lieblingsrestaurant – die besagte Schatzstube – mit seiner Lieblingszubereitungsart zu bestellen. Klingt erst gewöhnlich, stellt sich aber als ungewöhnlich aufwendig heraus. Mit ein bisschen durchraten ist hier nichts möglich. Also erkundigen wir uns bei der Stammkundschaft des Restaurants sowie innerhalb der Stadt und machen uns schlau darüber, was und wie bestellt werden soll, fügen die abstrakten und für Pokémon Verhältnisse tatsächlich außergewöhnlich rätselhaften Puzzlestücke zusammen und geben eine ungewöhnlich gewöhnliche Bestellung auf. Daraufhin erhebt sich aus der Menge der Kundschaft ein gewöhnlich ausschauend und außergewöhnlich abgearbeitet dreinblickender betagter Herr, welcher sich als Arenaleiter offenbart. In einem Potpourri außergewöhnlichster Diversifikation an Spielfiguren, stellt dieser Arenaleiter die Konstante des Gewöhnlichen und somit einen Bezugspunkt für viele Spielende dar. Auch dieses Pokémon-Spiel ist im Kern nach wie vor das Gewöhnliche, mit herzerwärmenden Charakteren, der Sammelei niedlicher Monster und rundenbasierten Kämpfen. Nur beherbergt es nun eben auch einige ungewöhnliche Aspekte. So sind die Charaktere die ungewöhnlich erscheinen plötzlich die Gewöhnlichen und der eine Gewöhnliche ist der Außergewöhnliche – Arenaleiter Aoki.

Aus der Menge an Zuschauenden wird ihm zugerufen sich zusammenzureißen, sobald wir ihn in die Enge treiben. Und so tut er es dann, auch wenn es nicht seiner Natur entspricht versucht er eine Fassade aufzuziehen und den Leuten eine außergewöhnliche Show zu bieten, um sie aus ihrem gewöhnlichen Alltag zu reißen. Nach Abschluss des Kampfs erhalten wir von ihm als Belohnung die TM Fassade mit dem Hinweis, dass ein Kind wie wir wahrscheinlich noch keine Verwendung dafür finden würden.

Pokémon-Charaktere sprühen ihre Persönlichkeit und Exzentrik geradezu heraus. Ihre Strahlkraft soll uns begeistern und ermutigen. Werde auch so sehr du selbst wie ich ich selbst bin! Werde auch Du ein Beispiel der Ausdrucksfähigkeit des Aufstiegs und Erfolgs! Und in diese Welt wird Aoki platziert, der uns das nahezuhe Gegenteil von dem vermittelt. Er gewährt einen Blick hinter die Fassade der Positivität, einen klaren Blick auf die Erschöpfung und Ausbeutung einer Gesellschaft, die auf Hyperindividualismus und Steigerungsdrang basiert. Vielleicht ist auch in der knutschbunt heilvolllen Welt der Pokémon keine Flucht vor dem Alltag, vor der qualvoll farblos erscheinenden Routine möglich. Auch hier quillen die leidvollen Seiten des Daseins und der Schmerz hervor. Sie gehören dazu. Doch auch Aoki kann seine Freude an Dingen finden. Ist er ein reiner Anti-Individualist, oder besitzt auch er persönliche Anliegen? Oder ist sein anti-individualistisches Dasein an sich sein Anliegen?

In seiner vermutlich freiberuflichen Funktion als Arenaleiter möchte er den Leuten außergewöhnliche Shows darbieten. Ähnlich wie Arenaleiter Aoki verhält sich diese neueste Edition auch zu Spielenden. Sie versucht uns Außergewöhnliches zu bieten, schafft es aber nicht die Probleme, die sie dadurch mitschleppt, zu verschleiern. Mit dem gewollten Spektakel kamen auch ungewollte Fehler. So trägt auch Aoki, vermutlich ungewollt, die Anstrengungen seines Angestelltenverhältnisses nach außen, und verweist auf gesellschaftliche Problemlagen und Ausbeutungsverhältnisse. Vielleicht liegt hierin sein persönlicher Individualismus. In vielen Belangen wird in Pokémon den alten gewöhnlichen Mustern gefolgt, bemüht darin, eine Fassade der Außergewöhnlichkeit aufzuziehen und oftmals bröckelt diese Fassade und offenbart Resultate der Überarbeitung. Doch die Konstanten in Pokémon überzeugen seit jeher, lassen sich nicht einreißen, so wie Aokis simple Freude am Verköstigen seiner geliebten im Feuersturm angebratenen Reisbällchen, mittelgroßer Portion, abgerundet mit einem Spritzer Zitrone, finden.

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